Die Wirtschaft und die soziale Frage, 55
sätzen der geschichtlichen Kräfte höhere Formen, Formen der Einheit,
oder die Gegensätze können sich nicht mehr zusammenfinden, die
plastische, gestaltende Kraft versagt, die sie in einen übergreifenden
Rahmen zwingt, Dann beginnt die große Zersetzung, der Zerfall, das
unheilbare Siechtum, das die Lebenskräfte langsam, aber unaufhaltsam
der Verwesung zuführt,
Das deutsche Volk steht vor einer unermeßlich schweren und
großen Aufgabe künstlerischer Gestaltungs- und Schaffenskraft. Bis
in die tiefste Tiefe unseres Volkstums, unserer Volksseele sich ein-
bohrende Gegensätze harren der Vereinigung und „Befriedigung“ in
der wahren Bedeutung dieses Wortes, daß sie in der Vereinigung den
„Frieden finden. Kein Gebiet unseres Lebens ist von dieser tief-
greifenden Zerklüftung unberührt, ob wir auf den Staat oder die Wirt-
schaft schauen, die Kunst oder die religiöse Weltanschauung bedenken,
ob alte Sitte oder neuer Lebensdrang und Freiheitsdurst den Zustand
unserer Gesellschaft bestimmen. Wir stehen entweder vor einer
ganz großen Zeit oder vor unabwendbarem Untergange. Vielleicht, da
wohl kaum je die menschlichen Gegensätze so hart und schroff gewesen
sind, wird eine Zeit allerhöchster Schaffenskraft, großartigsten
Künstlertums anheben, jenes Künstlertums, das die schmerzhaften und
grausamen Spannungen der lebendigen Kräfte der Wirklichkeit in reine
Harmonie auflöst, oder das Dunkel der Nacht senkt sich nieder auf
unser Volkstum, das, höchst befähigt, große und stolze Werke als Offen-
barungen seiner Kraft auch noch für die Zukunft zu versprechen
scheint. Es wäre ein tragisches Los. Aber gerade die großen, weiten,
reichen Naturen werden am leichtesten von der Tragik ergriffen, weil
sie mit der Vielseitigkeit ihrer inneren Möglichkeiten und der daraus
erwachsenden inneren Gegensätzlichkeit nicht fertig werden können.
Diese Tragik der großen Kraft und des inneren Reichtums sucht nicht
nur die starken Einzelnen, sondern auch die hochbegabten Völker heim.
Eins steht fest: der bloße Umsturz, die Negation haben uns aus
der Not unserer Zwiespältigkeit nicht befreien können. Es war ein
kindlicher, unreifer Wahn, zu glauben, wenn nur alle Mächte der Ver-
gangenheit vernichtet seien, werde von selbst ein neues goldenes Zeit-
alter heraufziehen, Und die neuen klangvollen Ideen, mit denen man
gegen die überlieferten Mächte zu Felde zog, waren nur verhüllte
Negationen, die einen positiven Gehalt, eine neue Lebensfügung und
Lebensordnung vortäuschten, Worte, in Schlagworte eingekleidete
Ideen sind nicht nur geeignet etwas auszudrücken, sondern auch zu
verschleiern. Worte sind oft Hüllen, Kleider mit prunkenden
Farben, die etwas, das Grund hat sich zu verstecken, verbergen sollen.
Aber nun wird der magere Gehalt oder die volle Hohlheit dieser farben-