Drittes Kapitel.
Hieg der kirchlichen Ideen über Papfttum
und Raisertum zugleich.
Die geschichtliche Entwickelung vollzieht sich unter der fort—
währenden Einwirkung des menschlichen Triebes, alle Ereignisse
und Vorgänge nach Gesichtspunkten höherer Einheit zu ordnen:
so erwachsen aus den Dingen die Ideen, und sie beherrschen als
Forderungen und Ziele des Handelns einen Teil der Zukunft.
Sie sind Gegenstände im höheren Sinne des Glaubens, im ge—
ringeren der Sitte, der Mode; sie wechseln ihren Inhalt nach
den thatsächlich gegebenen Voraussetzungen der einzelnen Zeit—
alter: in ihrem Kampfe ergiebt sich der klarste Ausdruck geschicht—
licher Wandlung. In diesem Zusammenhang hat Goethe recht
mit dem Ausspruch, daß das eigentliche, tiefe und tiefste Thema
der Weltgeschichte der Konflikt des Glaubens und des Unglaubens,
der werdenden und der schwindenden Ideen sei.
Wenige Zeitalter giebt es, die diese Wahrheit auch in den
äußerlichen, politischen Vorgängen einleuchtender veranschau—
lichen, als die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts. Diese Zeit
wird ganz von den Kämpfen eines verschiedenartig fortschreiten—
den religiösen Lebens beherrscht, und sie schließt ab mit dem
Siege einer höheren Stufe christlicher Frömmigkeit nicht bloß
in den Köpfen und Herzen der Zeitgenossen, sondern auch auf
politischem Gebiete: der zweite Kreuzzug in der Art, wie er
durchgeführt ward, ist ein Ergebnis dieser Frömmigkeit und