104 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc.
Wasserkräfte gebracht und die rationelle Kraftversorgung großer Industriegebiete von
einem Mittelpunkt aus ermöglicht. Und die drahtlose Telegraphie ist zwar nicht
von einem Deutschen, sondern von einem Italiener erfunden, aber an ihrer allge
meinen Ausnutzung ist Deutschland in hervorragendem Maße beteiligt. Neben der
Starkstromtechnik darf aber ihre schwächere Schwester, die Schwachstromtechnik, nicht
vergessen werden, und dies umsoweniger, als ihr wichtiger Zweig, das F e r n -
sprechwesen, der treue Gehilfe des Handels und das heute unentbehrliche Ver
kehrsmittel, von dem wir hoffen, daß seine Benutzung uns nicht erschwert wird, im
Jahre 1861 zum ersten Male vor die Öffentlichkeit trat.
Unter den Gewerben der Stoffgewinnung und Stoffverarbeitung sind es die
Fortschritte der Eisenindustrie, welche die höchste Bewunderung herausfordern.
Mit welcher Tatkraft ist von den deutschen Hütteningenieuren das aus England zu
uns herübergekommene Thomasverfahren aufgenommen worden! Es ermöglichte
erst der deutschen Eisenindustrie, sich das geniale Verfahren der Stahlbereitung nach
Beffemer nutzbar zu machen, und es war die Vorbedingung für die großzügige
Ausnutzung der riesigen Eisenerzfelder Lothringen-Luxemburgs und damit für die
Befreiung von der Übermacht der ausländischen Eisenindustrie.
Hand in Hand damit gingen die ununterbrochenen Fortschritte auf den Gebieten
der Roheisenherstellung, der Schmiede- und Walztechnik und der Gießerei.
In vortrefflicher Weise haben aber auch die eisenverbrauchenden Industrien das
ihnen zur Verfügung gestellte, für alle Zwecke geeignete Material zu benutzen ver
standen. Ich erinnere an die Leistungen unseres Schiffsbaues und unseres Hochbaues.
In den kühnen eisernen Brücken der Neuzeit offenbart sich auch dem Laien die Fülle
wissenschaftlicher Arbeit, aus der sie entstanden find. Ich erinnere weiter an die Er
folge unseres Maschinenbaues, der zu den alten Arbeitsgebieten neue hinzu erobert
hat. Um nur wenige Beispiele zu nennen, sei auf den Fahrrad- und Automobilbau
oder auf den Schreibmaschinenbau hingewiesen.
Auch die anderen Gewerbe der Stoffverarbeitung haben nicht gerastet. Hoch
entwickelt ist die Technik unserer Textilindustrie,derholzverarbeiten-
den Industrien und der graphischen Gewerbe, die in Deutschland stets
eine hervorragende Stellung eingenommen haben. Mit besonderer Freude muß auch
die Entwicklung des Kunst Handwerkes in Deutschland begrüßt werden, wie
überhaupt die Durchdringung vieler unserer Gewerbe mit künstlerischem Empfinden.
Eines der ruhmvollsten Kapitel in der Entwicklung der deutschen Technik wird
durch die deutsche chemische Industrie gebildet. Sie ist kaum älter als der
Deutsche Handelstag; denn von einer chemischen Industrie im heutigen Sinne kann
man erst seit etwa 50 Jahren sprechen, nachdem es der wissenschaftlichen Forschung
gelungen war, einige Klarheit in die Fülle der chemischen Erscheinungen zu bringen.
Ihre beiden großen Zweige, die anorganische und die organische chemische Industrie,
haben sich in gleicher Weise entfaltet. Hier in Heidelberg wirkten der Altmeister der
analytischen Chemie und Entdecker der Spektralanalyse Robert Bunsen und der
geniale Organiker Victor Meyer. Aus der anorganischen Chemie möge an die Fort
schritte in der Sodabereitung und besonders an die der Schwefelsäurebereitung er
innert werden, für die die Badische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen und der
Verein chemischer Fabriken in Mannheim so vereinfachte Verfahren erfunden haben.
Die Elektrotechnik hat uns die Elektrochemie gebracht, sie hat die Gewinnung des
Aluminiums und anderer Leichtmetalle ermöglicht, und sie hat in neuester Zeit zur
Nutzbarmachung des Luftstickstoffes geführt. In der organischen Chemie waren
es die Arbeiten deutscher Chemiker wie Runge und Hofmann, um nur einige der
glänzendsten zu nennen, die aus dem schwarzen, lästigen Abfallprodukt, dem Stein
kohlenteer, die wunderbarsten Färb- und Riechstoffe herausholten. Es gelangen die