Full text: Theoretische Sozialökonomie

A. Kap. VI. Der Kapitalzins. 
schon früher als 40 Jahre möglich. Eine Verdreifachung des Einkommens 
müßte aber unzweifelhaft für die Mehrzahl der Kapitalisten ein sehr 
starkes Motiv zum Kapitalverbrauch sein, zumal wenn ihr gewöhn- 
liches Einkommen durch das Sinken des Zinsfußes auf einen Bruchteil 
seiner früheren Höhe zusammengeschrumpft wäre. 
Welche Altersklassen besitzen nun unter modernen Verhältnissen 
die Hauptmasse des Volksvermögens? Über diese sehr interessante 
Frage gibt eine statistische Untersuchung des schwedischen Finanz- 
ministeriums über nachgelassene Vermögen einigen Aufschluß?!).  Ob- 
wohl diese Statistik in bezug auf die absoluten Ziffern wenig zuverlässig 
ist, dürften jedoch die Berechnungen über die relative Verteilung des 
Vermögens unter den verschiedenen Altersklassen der Wirklichkeit mit 
einer für unseren Zweck genügenden Genauigkeit entsprechen. Es er- 
gibt sich aus diesem Materiale, daß in den Städten die Altersklassen 
über 60 Jahre, auf dem platten Lande die Altersklassen über 50 Jahre 
etwas mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen. Approximativ 
kann man berechnen, daß insgesamt die Altersklassen über 55 Jahre 
etwas mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen. Die Alters- 
klassen über 40 Jahre besitzen in den Städten nicht weniger als 89,5%, 
auf dem platten Lande 72,5% des Gesamtvermögens. 
Hieraus können wir schließen, daß ein Zinsfuß, der für die Alters- 
klassen von über 50 Jahren ein starkes Motiv zum Kapitalverbrauch 
darstellt, das gesamte Kapitalangebot stark vermindern würde, und 
daß ein Zinsfuß, der schon Altersklassen von 40 Jahren an zum Kapital- 
verbrauch veranlassen würde, überhaupt für den Bestand des gesell- 
schaftlichen Kapitals verhängnisvoll werden müßte. Bei einem Zins- 
fuß von 212% kann aber das Einkommen schon für 50jährige im be- 
deutenden Verhältnis von 2,7, für 60jährige sogar im Verhältnis von 
3,8 vergrößert werden. Ein solcher Zinsfuß müßte demnach unzweifel- 
haft eine starke Kapitalverzehrung veranlassen. Bei einem Zinsfuß von 
1!/,% kann das Einkommen für 40jährige mehr als verdreifacht, für 
50 jährige vervierfacht, für 60 jährige beinahe versechsfacht werden, und 
würden also die Besitzer des weitaus größten Teiles des Gesamtver- 
mögens eine sehr starke, zum Teil unwiderstehliche Veranlassung zum 
Kapitalverbrauch haben. Wie ein solcher Zustand dauernd bestehen 
könnte, ist eine Frage, deren Beantwortung denjenigen Propheten ob- 
liegt, die ein Sinken des Zinsfußes auf solche Sätze in Aussicht gestellt 
haben. 
Das Ergebnis unserer bisherigen Untersuchung ist, daß das Angebot 
von Kapitaldisposition vom Zinsfuß abhängt, und zwar im allgemeinen 
mit ihm sinkt. Innerhalb der Grenzen der gewöhnlichen Bewegungen 
des Zinsfußes tritt diese Abhängigkeit weniger deutlich hervor. Würde 
1 ı) Bouppteckningar efter avlidna, Stockholm 1910. 
2922
	        
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