Full text: Theoretische Sozialökonomie

< Kap. VI. Der Kapitalzins. 
3 und 4 pro Mille bewegen? Eine Zinstheorie, die ebensogut für die 
eine wie für die andere Zinshöhe paßt, ist im Grunde genommen keine 
Zinstheorie, Die Frage ist im vorhergehenden beantwortet. Dabei ist 
die Bedeutung der menschlichen Lebensdauer besonders hervorgehoben. 
Auf den ersten Blick liegt nichts Selbstverständliches oder a priori 
Wahrscheinliches in der Tatsache, daß der Zinsfuß zwischen 3 und 4% 
variiert. Rechnen wir aber, anstatt mit dem Zinsfuß, mit der Zahl der 
Jahresrenten, die für eine beständige Rente bezahlt wird, so können wir 
die tatsächliche Zinshöhe so charakterisieren, daß wir sagen, eine 
ewige Rente wird mit dem 25fachen bis 33fachen Betrag dieser Rente 
bezahlt. Wenn die Sache in dieser Form ausgedrückt wird, liegt die 
Annahme schon sehr nahe, daß ein gewisser Zusammenhang zwischen 
Zinsfuß und Lebensdauer der Menschen besteht. Die Menschen, die in 
‘dem Alter stehen, daß sie selbst über ihr Kapital verfügen, können 
meistens nicht auf eine längere Lebensdauer als 25 bis 33 Jahre rechnen 
und wollen deshalb meistens nicht wesentlich mehr als 25 bis 33 Jahres- 
renten opfern, um sich eine ewige Rente zu sichern. Wer einen Zinsfuß 
von 1% als möglich annimmt, der nimmt in der Tat an, daß z. B. ein 
Landgut, das eine Nettorente von 10000 Mark abwirft, mit einer Million 
Mark bezahlt werden würde! Der Millionär kann aber, wenn er seine 
Million verzehren will, für sein noch übriges Leben viel besser sorgen 
als durch Kauf einer Jahresrente von 10000 Mark. Es ist in der Tat 
vollständig unmöglich, anzunehmen, daß bei der jetzigen Lebensdauer 
absolut dauerhafte Güter mit dem Hundertfachen oder auch mit dem 
Fünfzigfachen ihres jährlichen Nettoertrags bezahlt werden würden. Ein 
Zinsfuß von 1 pro Mille könnte nur bestehen, wenn Leute geneigt wären, 
100000 Mark zusammenzusparen und dann wegzuwerfen, um sich eine 
lumpige, wenn auch ewige, Jahresrente von 100 Mark zu sichern. Eine 
solche Wirtschaftsführung kann sich aber höchstens ein Methusalem 
gestatten. 
Es soll zum Schluß noch hervorgehoben werden, daß, was hier 
über die Möglichkeit eines Sinkens des Zinsfußes gesagt ist, natürlich 
nur für den typischen Zinsfuß, den wir hier betrachten und der am 
besten vom Zins für erste Hypotheken auf Grundstücken repräsentiert 
wird, gilt, Daß der Zinsfuß für kurze Kapitaldisposition niedriger 
sinken kann, ist unstreitig. Ist es doch schon vorgekommen, daß der 
Privatdiskont auf den großen Börsenplätzen zufällig sogar unter 1% 
hinabgesunken ist! Ein so niedriger Zinsfuß für kurze Kapitaldisposition 
erklärt sich meistens daraus, daß die Geldgeber aus irgendwelchen 
Gründen für den Augenblick ihr Kapital nicht gern binden, sondern es 
lieber vorläufig bereithalten wollen, um eine günstigere Gelegenheit, 
sei es für dauernde Kapitalinvestierung oder für Spekulationsgewinne 
abzuwarten. 
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