Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VIII. Der Arbeitslohn. 
einer optimistischen Auffassung des Lohnproblems gehuldigt, als sie 
an die Möglichkeit einer Erhöhung der Löhne oder allgemeiner eine 
erbesserung der Arbeitsbedingungen durch die Gewerkschaftspoliti 
eglaubt hat. Wohl zum Teil unter dem Einfluß der früheren pessimi- 
stischen Lohntheorien, aber auch von der mittelalterlichen Tradition 
bestimmt, hat die ältere Gewerkschaftsbewegung ihr Ziel auf die För 
derung des Interesses der eigenen Gewerkschaft beschränkt und das- 
selbe nur in einer monopolistischen Abgrenzung von der übrigen Ar- 
eiterwelt zu erreichen für möglich erachtet. In dieser Beziehung tritt 
in der neueren Gewerkschaftsbewegung ein wesentlich optimistischere 
Zug zutage, obwohl er der früheren Auffassung gegenüber keinesweg 
allgemeine Anerkennung gewonnen hat. Die Gewerkschaften haben in 
neuerer Zeit vielfach gefunden, daß eine künstliche Abschließun 
nach außen nicht notwendig ist, sondern daß man sich damit be: 
nügen kann, einen gemeinsamen, möglichst hohen Standard aufrecht: 
uerhalten: dieser Standard wirkt selbst gewissermaßen als eine Be- 
grenzung des Zutritts von Arbeitskraft in das betreffende Gewerbe. 
Denn nur der Arbeiter, der einen, dem Lohnstandard entsprechenden 
Standard von Tauglichkeit darbieten kann, hat eine Möglichkeit au 
emjenigen Gebiete der Produktion, wo der Gewerkschaftsstandard 
zur Anerkennung gelangt ist, eine Stellung zu gewinnen. In einer Zei 
starken wirtschaftlichen Fortschritts, wo besonders jede tüchtige, ge- 
lernte Arbeit im großen ganzen immer eine reichliche Nachfrage fand, 
at sich eine solche „offene Gewerkvereinspolitik‘“ mit der Aufgabe, die 
Interessen der Mitglieder des Gewerkvereins wahrzunehmen, vereinba 
‚ezeigt. Es sah dann aus, als ob die Gewerkschaftsbewegung nicht 
änger auf die Förderung der eigenen Interessen der Gewerkschaften be- 
schränkt wäre, sondern, da sie der gesamten Arbeiterklasse wenigstens 
formell offen stand, ein gemeinsames Mittel zur Hebung der ganzen 
Klasse sei. In Wirklichkeit sind aber in den meisten Ländern sehr 
zahlreiche Elemente!der Arbeiterklasse außerhalb der Gewerkschafts- 
bewegung stehengeblieben. Ein Teil dieser Elemente hat sicher keinen 
orteil aus der Gewerkschaftsbewegung ziehen können, ist sogar, z. B 
urch Verteuerung der Wohnungen, durch sie direkt geschädigt worden? 
er Glaube an eine allgemeine Erhöhung der Lebenslage der arbeiten- 
den Klassen durch die Gewerkschaftsbewegung dürfte den etwas zu 
optimistischen Lohntheorien zugerechnet werden müssen. 
Die ältere abgeschlossene Gewerkvereinspolitik hatte sich, wie über- 
haupt die ganze ältere Wirtschaftspolitik, unter der Voraussetzung eine 
egebenen aber streng begrenzten Marktes und im ganzen unveränder 
licher Produktionsverhältnisse entwickelt. Unter dieser Voraussetzung 
war eine Teilung des Marktes mit strenger Begrenzung ; des Zutritts zu 
einem Gewerbe eine natürliche Politik. Die Voraussetzungen der moder- 
en Gewerkvereinspolitik sind meistens wesentlich verschieden. Es 
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