Kap. XI. Der Geldwert.
aufgestellt. Damit ist man von einer Vergleichung zweier gegebenen
voneinander unabhängigen Fälle zu einer Frage gekommen, wo der
innere Zusammenhang des ganzen. volkswirtschaftlichen Bewegungs-
prozesses mit in Betracht gezogen werden muß, also von einem Problem
der Statik zu einem Problem der Dynamik.
Zur genannten Formulierung der Quantitätstheorie gehört not-
wendig die Voraussetzung, daß alle übrigen Faktoren unverändert
bleiben, und man macht einfach diese Voraussetzung, meistens ohne der
Frage, ob sie hier auch berechtigt ist, einen Gedanken zu widmen. Es
ist aber offenbar von vornherein anzunehmen, daß eine Vermehrung
des Geldes auch auf „die übrigen Faktoren‘‘, besonders auf die Zir-
kulationsgeschwindigkeit des Geldes und auf das Verhältnis zwischen
Bankzahlungsmitteln und Bargeld, vielleicht auch auf den Warenumsatz
eine Wirkung ausüben kann. Die Klausel ‚,ceteris paribus‘“ ist hier
also absolut unzulässig. Die Quantitätstheorie mit dieser Klausel
als eine selbstverständliche Wahrheit zu predigen, heißt die Aufmerk-
samkeit von wesentlichen Vorgängen ablenken und ist sicher für die
Erziehung zu gesunder wissenschaftlicher Kritik wenig förderlich.
Solange man, wie wir es im vorigen Paragraphen getan haben,
zwei verschiedene voneinander unabhängige Fälle betrachtet, ist natür-
lich die Voraussetzung, daß die „übrigen Faktoren‘ gleich sind, be-
rechtigt, denn man kann die beiden zu vergleichenden Fälle so wählen,
wie man wünscht. Nimmt man aber in einem gegebenen Falle an, es
sei die Geldmenge plötzlich vermehrt, so ist man nicht berechtigt, über
die daraus entstehende neue Lage weitere beliebige Voraussetzungen
zu machen. Was man annehmen kann, ist, daß keine neuen störenden
Faktoren von außen hinzukommen, über die Wirkung der einmal an-
genommenen Vermehrung der Geldmenge darf man aber keine weiteren
Annahmen machen, die hat man eben zu untersuchen.
Wenn wir von der statischen zur dynamischen Behandlung des
Problems der Abhängigkeit des Geldwerts von der Geldmenge über-
gehen, stoßen wir also auf Schwierigkeiten ganz neuer Art, zu deren
Überwindung die bis jetzt gebrauchten Methoden nicht hinreichen.
Schon bei unserer Behandlung des statischen Falles des Problems des
Geldwerts haben wir gefunden, daß die Quantitätstheorie nicht ganz
die absolute Selbstverständlichkeit besitzt, die ihr zuweilen zuge-
schrieben wird, daß es vielmehr zur Aufrechterhaltung der Theorie
nötig ist, verschiedene Voraussetzungen zu machen, Voraussetzungen,
die wohl an sich nicht gerade unwahrscheinlich sind, deren Prüfung
aber außerhalb der Tragweite rein theoretischer Auseinandersetzungen
liegt, einer auf die Tatsachen des Wirtschaftslebens gestützten Unter-
suchung vorbehalten werden muß. Noch weit unzulänglicher zeigen
sich die Mittel der reinen Theorie, wenn wir zum dynamischen Problem
übergehen. Welche Wirkungen eine Vermehrung der Geldmenge auf
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