Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. I. Die Wirtschaft im allgemeinen. 
der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel aufgefaßt werden. Für 
diese Auffassung gibt es nichts, was in konkretem Sinn aufgespart wäre, 
wie dies der Fall ist, wenn man das Sparen als ein Nichtkonsumieren 
eines angesammelten Vorrats von fertigen Gütern auffaßt. Die fertigen 
Güter, die in der fortdauernden, im Gleichgewicht befindlichen Wirt- 
schaft der absichtlichen Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung zu- 
folge nicht konsumiert werden, werden auch überhaupt nicht produ- 
ziert. Einen konkreten Gegenstand des Sparens als eines Nichtver- 
brauchs gibt es also nicht. 
Bei der Auffassung des Sparens als einer Nichtkonsumtion eines 
Vorrats von fertigen Gütern bedarf die Kapitalbildung in konkretem 
Sinne noch einer besonderen Erklärung. Denn eine Vermehrung des 
vorhandenen Realkapitals ist offenbar nicht durch das Unterlassen einer 
Konsumtion möglich. Die konkrete Kapitalbildung wird bei dieser Auf- 
fassung des Sparens als ein vorheriges Ansammeln eines Vorrats von 
materiellen Gütern betrachtet, die später in der Produktion zur Unter- 
haltung der Mitwirkenden, speziell der gewöhnlichen Lohnarbeiter, viel- 
leicht auch als Material und Werkzeuge zur Anwendung kommen‘). 
Diese Betrachtungsweise steht indessen den wesentlichen Grundzügen 
der fortdauernden Wirtschaft vollständig fremd gegenüber. In der fort- 
dauernden im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft gibt es im großen 
ganzen kein Ansammeln eines Vorrats von fertigen Gütern, aber auch 
kein Ansammeln im angegebenen Sinne von Materialien und Werk- 
zeugen für spätere Anwendung, überhaupt in einem gegebenen Augen- 
blick keine unwirksamen Gütervorräte, die zur Vorbereitung eines künf- 
tigen Produktionsprozesses aufgespeichert sind. Die fortdauernde Wirt- 
schaft besitzt, wie oben entwickelt worden ist, ein Realkapital, das 
normal stets beschäftigt ist. Dieses Realkapital wird in der fortschrei- 
tenden Wirtschaft durch die Produktion stets vermehrt, aber die ver- 
schiedenen Güter, die in dieser Weise dem Realkapital nach und nach 
zugeführt werden, werden normal nicht für einen künftig anzufangen- 
den Produktionsprozeß aufgespeichert, sondern treten unmittelbar in 
ihre verschiedenen Funktionen als Realkapital ein, werden verbraucht 
oder verarbeitet oder, wenn sie dauerhaft sind, benutzt. Die Dar- 
stellung der Kapitalbildung in konkretem Sinne als einer Aufspeicherung 
eines für künftige Zwecke reservierten Gütervorrats gibt demnach ein 
1) „A stock of goods of different kinds must be stored up somewhere sufficient 
to maintain him (the labourer), and to supply him with the materials and tools 
of his work.“ Ad. Smith: Wealth of nations. Book II Introduction. — Jevons 
betrachtet die Unterhaltsmittel des Arbeiters als die einzige Form des Kapitals: 
„Capital consists merely in the aggregate of those commodities which are required 
for sustaining labourers of any kind or class engaged in work.“ Theory of Political 
Economy. p. 242. 
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