72 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
nannte Grenznutzentheorie als eine Lösung des Problems der Preis-
bildung oder auch nur des „Wertproblems‘‘ auszugeben, muß deshalb
unbedingt zurückgewiesen _werden.
Die Vorstellung, daß der wirtschaftende Mensch die Bedeutung seiner Bedürf-
nisse in abstracto, also unabhängig von einer gegebenen Preislage, in Geld schätzen
kann, hat dazu geführt, daß man die so gemessene Bedeutung eines Bedürfnisses
mit dem tatsächlich für die Befriedigung desselben gezahlten Preis verglichen hat,
und wenn die Bedeutung den Preis übersteigt, den Unterschied als einen besonderen
Gewinn des Konsumenten betrachtet hat. Dieser Gewinn oder ‚„‚Überschuß‘ des
Konsumenten sollte gleich sein dem Unterschied zwischen dem höchsten Preis, den
der Konsument für das Gut zahlen würde, wenn er es nicht billiger haben könnte,
und dem tatsächlichen Preis!). Dieser Betrachtung gegenüber muß wieder hervor-
gehoben werden, daß die Schätzung der Güter sich wesentlich auf die gegebene
Preislage bezieht, im Grunde nichts anderes ist, als der Beschluß, durch welchen
bestimmt wird, was bei einer gegebenen Preislage konsumiert werden soll. Die
Geldskala, in welcher man das Gut schätzt, hat eine bestimmte Bedeutung nur bei
einer bestimmten Preislage. Betrachtet man jetzt zwei wesentlich verschiedene
Preislagen, dann sind also die Schätzungen eines Gutes in beiden Fällen in ver-
schiedenen Geldskalen ausgedrückt und folglich nicht direkt vergleichbar. Wohl ist
die Veränderung in der Bedeutung der Geldskala so klein, daß man sie vernach-
lässigen kann, wenn man eine kleine Verschiebung des Preises eines Gutes, das im
Budget der betreffenden Wirtschaft eine untergeordnete Rolle spielt, betrachtet.
Es muß jedoch daran festgehalten werden, daß eine exakte Definition des genannten
‚„Konsumentenüberschusses‘‘ nicht möglich ist.
Für Güter, die sich in einer Reihe von verschiedenen Dosen konsumieren lassen,
hat man den sogenannten Konsumentenüberschuß für jede einzelne Portion berechnet
und dann die Summe dieser Überschüsse als den Gesamtüberschuß bezeichnet. Oder
man summiert den Nutzen, den der Konsument von jeder einzelnen Portion hat, und
bekommt, was man als seinen Gesamtnutzen des betreffenden Verbrauches bezeichnet,
Wenn man von diesem Gesamtnutzen den Gesamtpreis subtrahiert, hat man wieder
den gesamten ‚„„Konsumentenüberschuß“‘‘. Nehmen wir z. B. an, jemand würde für ein
Glas Bier höchstens 2 Mark zahlen, für das nächste 50 Pfennig, für das dritte
20 Pfennig, für das vierte 10 Pfennig, für weitere Gläser noch weniger, würden wir
den Gesamtnutzen einer Konsumtion von vier Glas Bier auf 2,80 Mark berechnen.
Wenn der tatsächliche Preis des Glases 10 Pfennig beträgt, würde der Mann eben
vier Gläser konsumieren und für diese 40 Pfennig zahlen. Dabei würde er einen
„Konsumentenüberschuß‘* von 2,40 Mark zugute haben. Es ist wirklich schwierig
zu verstehen, was man mit solchen Berechnungen gewinnen will. Sie spiegeln keinen
psychologischen Vorgang ab, der für die Preisbildung von Bedeutung wäre. Sie
entbehren der Möglichkeit einer exakten Formulierung, die einer allgemeinen An-
wendung derselben Betrachtungsweise zugrunde gelegt werden könnte. Dies zeigt
sich vollkommen, wenn man versucht, nach derseiben Methode den Gesamtnutzen,
den ein Konsument von seiner ganzen Konsumtion hat, zu berechnen und dabei
zu dem Ergebnis gelangt, daß der Wert einer Konsumtion, sagen wir im Betrage
von tausend Mark, in der Tat etwa 1500 Mark sei!
Zum Begriff des Wirtschaftens gehört immer eine gewisse Be-
schränkung der Bedürfnisse, also eine Auswahl, durch welche unter
; 1) „Consumer’s Surplus‘. Marshall, Principles of Economics. Book II,
Ch. VI.