fullscreen: Gesellschaftslehre

08 Die sozialer Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
9. Die Tatsachen der Sympathie. 
Inhalt: Unter dem Namen der Sympathie sind namentlich drei Gruppen 
von Tatsachen zu unterscheiden: .l. Ein direktes Miterleben fremder Affekte, das 
auf sinnlicher Grundlage ruht und namentlich in der milderen Form der An- 
steckung von Stimmungen, Willenshaltungen und Gesinnungen von der größten so- 
zialen Bedeutung ist. — 2. Ein Wissen um die Gefühle und überhaupt um die 
inneren Zustände anderer, das als eine Art Miterleben des inneren Lebens anderer für 
die Expansion des Ich von der größten Wichtigkeit ist. — 3. Die Tatsache der 
Mitfreude und des Mitleides, die ebenfalls auf angeborenen Anlagen beruht und 
durch die Entwicklung der Kultur vielfach gesteigert wird. 
1. Das Wort Sympathie dient als ein Sammelname für verschiedene 
Gruppen von Tatsachen, die oft in verhängnisvoller Weise miteinander 
vermengt werden. Es sind ihrer namentlich die folgenden zu unter- 
scheiden. Erstens gibt es ein direktes Miterleben von Gefühls- 
zuständen eines anderen Wesens. Die Gefühle strömen in diesem .Fail 
unmittelbar vom ersten Wesen auf seine Umgebung über; sie wirken 
direkt ansteckend. Die Scheidewand zwischen Ich und Nicht-Ich ist dabei 
aufgehoben. Ein Kind kann niemanden weinen sehen, ohne selbst zu 
weinen; der ansteckenden Wirkung des Lachens erliegen viele Erwachsene 
— alles Vorgänge, bei denen natürlich nicht nur die Ausdrucksbewegun- 
gen, sondern auch die Affekte selbst überstrahlen. Ebenso ruft der Schrei 
aus Schmerz bei vielen die stärksten Schmerzzustände hervor, und leb- 
hafte Freudenbezeugungen wie das Tanzen und Springen vor Freude 
stecken vielfach ebenso an. Der Mechanismus dieser ganzen Vorgänge be- 
ruht auf den Ausdrucksbewegungen: diese bilden den Reiz, auf den hin 
der betreffende Gefühlszustand als Antwort eintritt. Man hat früher wohl 
gemeint, die Reaktion bestände zunächst nur in der Erzeugung der glei- 
chen Ausdrucksbewegungen, allgemeiner der gleichen Ausdruckshaltungen, 
und an diese knüpfe sich sekundär erst der entsprechende Gefühlszustand, 
wobei natürlich von Ausdruckshaltungen auch in solchen Fällen zu spre- 
chen wäre, wo diese durch Selbstbeherrschung nach außen möglichst unter- 
Jrückt werden, aber doch noch wahrnehmbar bleiben. Doch sprechen 
weder die eigenen Erlebnisse noch theoretische Gründe für einen der- 
artigen Umweg über die Ausdrucksbewegungen; vielmehr läßt typischer- 
weise die Wahrnehmung des fremden Ausdrucks gleichzeitig das eigene 
Gefühl und seinen Ausdruck entstehen. — 
Voraussegung für die Übertragung ist natürlich die Anschaulichkeit 
des ursprünglichen Vorganges, also die Schaustellung des inneren Zu- 
standes durch Ausdruckshaltungen, die hinreichend lebhaft und auch hin- 
reichend einfach und eindeutig sein müssen, um den angeborenen Mecha- 
nismus in Bewegung zu segen. Voraussegung ist damit natürlich auch die 
unmittelbare Gegenwart des ersten Trägers der Gefühle. Doch gilt das
	        
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