Full text: Die Staatsausgaben von Großbritannien, Frankreich, Belgien und Italien in der Vor- und Nachkriegszeit

Diese Berechnung des Anteils der öffentlichen bzw. staatlichen Einkommensbeanspruchung am Volks- 
einkommen ermöglicht zwar nicht ohne weiteres einen »Belastungsvergleich«, weil sie die Frage der unter- 
schiedlichen Abgrenzung der öffentlichen Aufgaben gegenüber der Privatwirtschaft in den einzelnen Ländern 
noch offen läßt. Die Ziffern geben jedoch ein Bild der internationalen Abweichungen in Ausmaß und Inten- 
sität der öffentlichen bzw. staatlichen Wirksamkeit. Wenn die Volkseinkommensziffern als Ausdruck für 
das gesamte Leistungsergebnis der von einer Nation angesetzten persönlichen und sächlichen Produktiv- 
kräfte gelten können, so zeigt sich hier der Anteil, den der Staat bzw. die Kommunen davon für die Er- 
füllung ihrer Verwaltungsleistungen in Anspruch nehmen. Hierin liegt der bedeutsame Erkenntniswert 
dieser Berechnung, wobei nur immer wieder auf die Fragwürdigkeit der zugrunde gelegten Volks- 
einkommensschätzungen hingewiesen werden muß. 
Für den »Belastungsvergleich« müssen auch die Unterschiede der Abgrenzung zwischen öffentlicher und 
privater Wirtschaft berücksichtigt werden, d.h. das Ausmaß, in dem der Staat durch seine Leistungen 
der Privatwirtschaft Aufgaben abnimmt. Wenn in einem Lande private Anstalten Staatssubventionen 
erhalten zur Sicherstellung von Leistungen in öffentlichem Interesse, die im anderen Lande vom Staate 
unmittelbar ausgeführt werden, so handelt es sich hier lediglich um eine verschiedenartige Organisation 
zur Durchführung der gleichen Aufgabe, bei der der Finanzbedarf derselbe bleibt. In diesem Sinne kann 
man z. B. die belgischen Staatssubventionen für private Schulen den französischen Staatsausgaben für 
die öffentlichen Schulen gleichstellen. In der nachfolgenden Übersicht sind daher auch die Subventionen 
für Unterricht, Kunst und Wissenschaft in die Berechnung der öffentlichen Einkommensbeanspruchung 
einbezogen worden. 
Ausgaben für die eigentliche Staatsverwaltung zuzüglich der Überweisungen, der Ver- 
zinsung und Amortisation auswärtiger Kriegsschulden und der Subventionen für Unter- 
richt, Kunst und Wissenschaft‘). 
Je Kopf der Bevölkerung in vH des 
in Mark Vorkriegskaufkraft Volkseinkommens 
nach dem nach dem 
Vorkriegsetat Nachkriegsetat Vorkriegsetat Nachkriegsetat 
Großbritannien ............ 7 57,0 96,9 5,8 10,1 
Frankreich ......... 67,5 73,2 9,1 9,9 
Belgien... 0 ur 33,2 62,4 5,3 10,6 
U 31,0 33.0 6.5 8.9 
Allerdings bleibt auch hierbei zu berücksichtigen, daß — um bei dem Beispiel des Schulwesens zu bleiben 
— ein in den einzelnen Ländern ganz verschiedener Teil des gesamten Bildungsaufwandes aus privaten 
Mitteln (z. B. einmaligen privaten Zuwendungen oder Stiftungen für Hochschulen, Forschungsinstitute 
usw.) bestritten wird, die im Staatsetat in der Regel nicht erscheinen. Ein vollständiger Vergleich der 
Aufwendungen für öffentliche Zwecke ist daher erst möglich, wenn es wenigstens schätzungsweise gelingt, 
die gesamten Aufwendungen einer Nation für einen bestimmten Zweck zu erfassen, wenn es z. B. auf dem 
Gebiete des Unterrichtswesens möglich ist, für alle Länder auch den Gesamtbetrag der freiwilligen privaten 
Zuwendungen an einzelne Schulen usw. zu ermitteln. Auch hier zeigt sich wieder, daß die vorliegende 
Untersuchung, wie immer wieder betont werden muß, nur einen ersten Anfang in der Beantwortung der 
eingangs gestellten Fragen darstellt. 
Es ist im Laufe der Untersuchung immer wieder darauf hingewiesen worden, daß die öffentlich bewirkten 
Einkommensverschiebungen mit den übrigen Staatsausgaben nicht in eine Linie gestellt werden 
dürfen. Während die öffentliche Einkommensbeanspruchung eine Übertragung von Produktivkräften 
von der privaten auf die öffentliche Wirtschaft mit sich bringt, führt die Wirkung der öffentlichen Ein- 
kommensverschiebung zu keiner entsprechenden Änderung im Verhältnis zwischen öffentlichen und privaten 
Leistungen, Trotzdem sind, wie bereits betont, auch die Einkommensverschiebungen von erheblicher 
Bedeutung für den gesamten Produktionsprozeß. Die nachstehende Übersicht zeigt, in welchem Umfang 
die staatliche Einkommensverschiebung in den einzelnen Ländern in die Verteilung des Produktions- 
ertrages eingreift. Der Hauptunterschied in der finanzwirtschaftlichen Struktur der Vor- und Nach- 
kriegszeit beruht in den bearbeiteten Ländern in dem außerordentlichen Anwachsen gerade dieser Aus- 
gabearten. Diese Steigerung, auf die der größte Anteil der gesamten Ausgabesteigerung der Nachkriegs- 
zeit entfällt. ist unter dem Gesichtspunkt der »Finanzbelastung« von entscheidender Bedeutung. 
1) Vgl. die Übersicht auf S. 444. 
A445
	        
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