ß Einleitung.
deshalb kann es auch keine wisssenschaftlich zu erschließende wirtschaftliche Zielsezung geben,
die der Wirtschaflswissenschaftler als „objektiv richtig“ bezeichnen könnte. „Kommt der
Wirtschaftswissenschaftler . . . troßdem zu einer Zielsetzung, so ist sie im Ausgangspunkte
nicht minder willkürlich wie die des Politikers, von der sie sich in diesem Falle grundsätzlich
nicht mehr unterscheidet“, ganz gleich ob die privatwirtschaftliche Rentabilität, die volks-
wirtschaftliche Produktivität, die Staatsräson oder der soziale Ausgleich usw. die für ihn
enlscheidenden Gesichtspunkte sind. Die Geltung solcher Zielsetz ungen zu be-
urteilen, ,„ist Sache des Glaubens, daneben vi elle i < t eine Aufgabe spekulativer
Betrachtung und Deutung des Lebens und der Welt auf ihren Sinn hin, sicherlich aber
nicht Gegenstand einer Erfahrungswissenschaft1)."“
Auf wis sen sch aft li ch e m Gebiete dagegen befindet sich der Wirtschaftspolitiker
dann, wenn es sich darum handelt, bestimmte in der Wirklichkeit tatsächlich angestrebte
Zielsezungen zu realisieren. Damit kommen wir zu der dritten Art der Behandlung der
Wirtschaftspolitik als Wisssenschaft.
Volkswirtschaftspolitik als praktische Wissenschaft.
Sie antwortet auf die Frage: Welche Wege führen zu einem bestimmten Ziel, oder
welche Maßnahmen sind zur Erreichung eines bestimmten Zieles zu treffen? Sie macht
also nicht den Anspruch, über die „Richtigkeit“ oder „Unrichtigkeit“ von Zielsezungen zu
befinden, sondern beschränkt sich darauf, festzustellen, durch welche Hilfsoperationen und
Maßnahmen anerkannte oder beglaubigte Ziele realisiert werden können. Denn „nur
wo bei einem absolut eindeutig gegebenen Zweck nach dem dafür geeigneten Mittel gefragt
wird, handelt es sich um eine wirklich empirisch entscheidbbare Frage. Der Sagt: y ist das
einzige Mittel für x ist in der Tat die bloße Umkehrung des Satzes: auf y folgt x.“
Es ist wissenschaftlich durchaus möglich, nützlich und nötig, „Sätze zu entwickeln von dem
Typus: für die Erreichung des (wirtschaftspolitischen) Erfolges x ist y das einzige oder
sind, unter den Bedingungen bu, b., bz; Y1, Y., Yz die einzigen oder die erfolgreichsten
Mittel:)“. Während die the or et i \ < e n Wissenschaften vorliegende Sachverhalte oder
Tatbestände erfassen, d. h. beschreiben oder kausal erklären, seßzen die pr ak ti sch e n
Wissenschaften die Hilfsoperationen fest, welche angewendet werden müssen, wenn ein Ziel
besonders vollkommen erreicht werden soll. Die Forschungsmethode der praktischen Wissen-
schaften kommt also geradezu auf eine Umkehrung der Methode der theoretischen Wisssen-
schasften hinaus. Während die theoretisch-erklärende Wisssenschaft feststellt, daß auf y ~ X
folgt, macht die praktische Wisssenschaft aus, daß y geschehen muß, damit das geforderte x
eintritt. Ihre Z i e l e aber erhalten die praktischen Wissenschaften –~ um es noch einmal
zu betonen – von außen gesetzt. Sie selbst haben nur zu erforschen, welches
Handeln oder Verhalten von dem Standpunkt der ihnen gesetzten Zielsetzungen aus „richtig“
ist. Ihre Urteile haben also keinen absoluten, sondern nur relativen Charakter, d. h. sie
gelten in Hinsicht auf ein als richtig angenommenes Ziel.
1) M a x Weber , „Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“,
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 19, 1904.
2) Ma x Webber , „Der Sinn der Wertfreiheit der soziologischen oder ökonomischen Wissen-
schaften“, Logos, Bd. 7, 1917 bis 1918.