Carlos Deambrosis Martins. 121
sammlung. Die amerikanische Okkupation verfolgte jedoch dunkle Pläne
und die Abgeordneten des Volks von Haiti schienen sich dafür nicht her-
geben zu wollen.
Am 10. Januar 1917 fanden, kraft eines Dekretes,das die Konstitution
vollständig umstürzte, neue Wahlen in die gesetzgebenden Körperschaften
unter der effektiven Kontrolle amerikanischer Offiziere statt. Die Sitzungen
der gesetzgebenden Körperschaften hatten kaum begonnen — es war im
April 1917 — als Oberst Bailly-Blanchard, bevollmächtigter Gesandter der
Vereinigten Staaten in Port-au-Prince der Nationalversammlung durch sein
Sprachrohr, die Regierung, „obligatorische Vorschläge‘ unterbreiten ließ
über die Abänderung der Verfassung, Vorschläge, die natürlich auf nichts
anderes hinzielten, als der amerikanischen Kolonisierung noch weiter die
Tore zu öffnen. Die Abgeordneten zogen jedoch nur das nationale Interesse
in Betracht. Hierauf brach eines Tages der amerikanische Major Smedley
Butler, Chef der Gendarmerie, Revolver in der Faust, in Begleitung ame-
rikanischer Offiziere und eines Schwarms von Gendarmen mit aufge-
pflanztem Bajonett in den Palast der gesetzgebenden Versammlung ein und
zerstreute manu militari die eben tagende Nationalversammlung. Dies er-
eignete sich im Juni 1917 als Oberst Eli K. Cole Chef der Besetzungs-
truppen war. Der Parlamentarismus wurde so in der demokratischen Re-
publik Haiti für immer zerstört. Bis auf den heutigen Tag gibt es nichts,
als die amerikanische Besetzung mitsamt Standrecht und die Marionette
eines, dem hohen Kommissar in jeder Beziehung gehorsamen, Präsidenten.
Diese Lage entsprach sehr gut dem imperialistischen Geist des Yankees,
aber sie war zu brutal für die scheinheilige Politik der Regierung von
Washington, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamiert hatte.
Man dachte daher seit 1918 daran, eine Karrikatur einer Nationalversamm-
lung zu schaffen und ein Staatsrat wurde aufgestellt, der Gesetze geben sollte.
Dieser aus 21 Individuen sich zusammensetzende, von den Amerikanern be-
stimmte und durch die Präsidenten-Marionette mit Vollmachten versehene
Staatsrat registrierte ohne Diskussion alle durch die amerikanische Gesandt-
schaft ausgearbeiteten oder genehmigten Gesetze. Jedoch noch mehr als das.
Dieser Staatsrat, der nur unter dem Schutz der amerikanischen Bajonette
bestehen kann, hat sich auch das Recht angemaßt, die Staatspräsidenten zu
ernennen. So ernannte er im Jahre 1922 Louis Borno zum Präsidenten der
Republik, den gleichen Mann, den Kontre-Admiral Carpenter im Jahre 1915
zur Unterzeichnung des Vertrags zum Minister ernennen ließ, und den der
Brigade-General Russell, der amerikanische Oberkommissar, im Jahre 1926
den Bewohnern Haitis für eine weitere Periode von 4 Jahren aufzwang.
Dies rührt daher, daß es niemand gibt, der sich für die von der imperialisti-
schen Regierung von Washington erträumte Kolonisierung besser verwenden
ließe, als Borno. Es geht übrigens aus den zwischen der vorhergehenden Re-