Full text : Finanzwissenschaft

IV. Abschnitt. Staatsschatz und Reserve. 17/9
Natürlich eifert die Schatzbildung des einen Staates auch die
anderen Staaten zu gleichem Vorgehen an, wodurch der Friede
mehr gefährdet als gesichert erscheint. Auch in politischer Beziehung
 ist der Schatz bedenklich, da er die Regierung vom gesetzgebenden
 Faktor unabhängig macht und so leicht zu abenteuerlichen
 Entschlüssen führt. Diese Momente zusammengenommen
haben im Laufe der Zeit die Auffassung gereift, daß die Ansammlung
 des Staatsschatzes irrationell ist.
Die Verteidigung der Institution des Staatsschatzes beschränkt
sich demzufolge in der Gegenwart hauptsächlich auf das eine
Moment, daß es wünschenswert erscheint, wonach eine Regierung
bei Ausbruch eines Krieges nicht sogleich mit schweren Geldsorgen
zu schaffen haben solle. Namentlich für die Kosten der Mobilisierung
 soll gesorgt sein, da oft die ersten Tage entscheidend sind
und nach einem Erfolge auch der Geldmarkt sich entgegenkommender
zeigt. Es hat auch eine Schule von Strategen gegeben, die gerade
auf den ersten bedeutenden Erfolg Gewicht legten und erwarteten,
daß ein solcher von endgültiger Entscheidung sein muß. Der langandauernde
 Weltkrieg bestätigte diese Auffassung nicht, denn die
großen Erfolge der deutschen Waffen in Belgien und Frankreich
haben das Unglück eines langen Krieges nicht abzuwenden vermocht.
2. Neuere Erfahrungen. Inder Frage des Staatsschatzes,
die die liberale Nationalökonomie fast als entschieden betrachtete,
hatten namentlich neuere Erfahrungen eine gewisse Wendung herbeigeführt.
 Bekanntlich hat sich auf preußischer Seite in den
Kriegsjahren von 1866 und 1870/71 der Staatsschatz bewährt. Bei
Beginn des Deutsch-Französischen Krieges hatte in Berlin der
Staatskredit mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Norddeutsche
 Bund legte eine Anleihe von 120 Millionen Taler zu
5 Prozent auf, zum Kurse von 88; hiervon wurde an der Berliner
Börse bloß wenig gezeichnet; den größten Teil zeichneten kleine
Kapitalisten !). Die Subskription war am 4. August; der preußische
Kronprinz errang an diesem Tage den glänzenden Sieg bei Weißenburg,
 doch war dies in Berlin noch nicht bekannt. Der Besitz des
Staatsschatzes ermöglichte aber die nötigen Maßregeln und mit der
Erringung der ersten Siege waren die Bedenken der Börse verschwunden.
 Die Schwäche des Staatskredites, die sich auch in der
') Dagegen wurden auf die zweite Kriegsanleihe, schon nach der Proklamation
 des deutschen Kaisertums in Versailles, und zwar auf die in Deutschland
aufgelegten 61,2 Millionen Taler 223,3 Millionen, auf die in England aufgelegten
 3 Millionen £ 11,3 Millionen gezeichnet. (Köppe, Die deutschen Kriegsanleihen,
 Jahrbücher f. Nationalök. u. Statistik 1916, März, S. 321.)
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