zZ 4. Buch. V. Teil. Die Steuern.
beruhte darauf, daß der Adel durch persönliche Leistungen in
Heer und Amt dem Staate Opfer brachte. Mit dem Aufhören
dieses Verhältnisses!) infolge der neueren Entwicklung war auch
die Steuerfreiheit nicht mehr berechtigt. Hierzu kommt noch, daß
lange Zeit hindurch Steuerleistungen nur ausnahmsweise und nur
in geringem Maße in Anspruch genommen wurden; das Privilegium
des Adels hatte daher keine übergroße Bedeutung. „Unter Karl VIL.
— sagt Tocqueville?) — betrug die Taille 1,2 Millionen Livres,
das Privilegium, hiervon befreit zu sein, war unbedeutend, gewann
aber an Bedeutung, als die Taille unter Ludwig XVI. 80 Millionen
Livres betrug.“ Unter solchen Umständen war die Steuerfreiheit
des Adels unerträglich. „Es ist kein frivoles Wort — sagt Kos-
suth — sondern ernsteste Wirklichkeit, daß die ungarische Be-
steuerung nichts anderes ist, als das systemisierte Handwerk, dort
zu nehmen, wo nichts ist.“
Das Prinzip der Allgemeinheit der Steuer hat die große poli-
tische und soziale Bedeutung, daß nur auf dieser. Basis die Ver-
schmelzung aller Klassen der Gesellschaft möglich ist und überall
nur im Gefolge dieses Prinzipes zur Wirklichkeit wird.
Gegen das Prinzip der Allgemeinheit der Steuer wurde nicht
nur dadurch gesündigt, daß eine eigentlich auf die Gesamtheit der
Staatsbürger ausgeworfene Steuer von den privilegierten Ständen
nicht getragen wurde, sondern auch dadurch, daß überdies spezielle
Steuern für einzelne Schichten der Staatsbürger eingeführt wurden,
gewissermaßen konfessionelle und Nationalitätensteuern. Eine solche
Steuer war die den Juden auferlegte Toleranzsteuer, die in Galizien
von den Juden bezahlte Kerzensteuer (für jede am Samstag an-
gezündete Kerze fünf Kreuzer), der in Wien eingeführte Judenzoll,
welchen jeder jüdische Reisende bezahlte, ehe er das Gebiet der
Stadt betrat. So waren in Ungarn nach Acsädy Steuern, die
bloß die Anabaptisten bezahlten, in den ungarischen Städten Taxen,
die die griechischen und serbischen Kaufleute zu zahlen hatten usw.
29. Verletzung des Prinzipes. Kine Verletzung des
Prinzipes der Allgemeinheit erfolgt aber auch durch viele Vor-
gänge, die gerade in neuerer Zeit auf dem Gebiete der Besteuerung
1) Im Jahre 1696 sagt der ungarische König Leopold I., der Adel und
die Geistlichkeit sind schon deshalb verpflichtet Steuern zu zahlen, da die adelige
Insurrektion nicht mehr einberufen wird. Im Jahre 1751 figuriert die Besteue-
rung des Adels unter den königlichen Propositionen; später im Jahre 1764.
Es handelte sich um eine Steuer von drei Gulden für jeden Adeligen. Auch
diese Proposition mußte zurückgezogen werden, ein solcher Sturm brach im
Landtag aus. N
2) Ancien regime (Deutsche Übersetzung), S. 101.
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