Full text: Finanzwissenschaft

B. IV. Abschnitt. Proportionalität und Progression. 295 
proportionell, mit dem gleichen Steuerfuß besteuert, dann können 
zwei Fälle eintreten: entweder geht der Staat von der größeren 
Leistungsfähigkeit der größeren Einkommen aus, wodurch er die 
kleinen Einkommen übermäßig belastet, oder er geht von den 
kleinen Einkommen aus, dann unterläßt er es wieder, die großen 
Einkommen entsprechend in Anspruch zu nehmen. Und in letzterem 
Falle werden die kleinen Einkommen, trotzdem ihre Leistungsfähig- 
keit zum Ausgang genommen wird, im Übermaße in Anspruch ge- 
nommen, denn wenn der Staat die volle Leistungsfähigkeit der 
großen Einkommen in Anspruch nehmen würde, dann würde die 
Steuerlast der kleinen Einkommen sich mindern. Überdies sind 
hier noch andere Momente in Betracht zu ziehen. Vor allem, daß 
die genaue Festsetzung der großen Einkommen schwieriger ist, als 
die der kleinen Einkommen, bei welchen das Minimum der Existenz- 
kosten als Stützpunkt dient. Ferner, daß wegen der häufigen Un- 
regelmäßigkeit der kleinen Einkommen die Opfer dieser Steuer- 
träger größer sind, auch wegen der geringeren Kenntnis der Ge- 
setze, der geringeren Fähigkeit der Orientierung und Verteidigung, 
wegen des mit der Steuerzahlung verbundenen Zeitverlustes usw. 
Von jenen Faktoren, welche auf die Größe des in der Steuer 
gebrachten Opfers Einfluß ausüben, kommen auch die im Ein- 
kommen vorkommenden Veränderungen in Betracht (Meyer). In 
jedem Haushalte entwickelt sich hinsichtlich der Größe und der 
Art der Bedürfnisbefriedigung ein gewisses System, welches große 
Tenacität beweist. Wenn das Einkommen steigt, so steigen doch 
nicht sogleich auch die Bedürfnisse. In diesem Falle ist also die 
Steuerfähigkeit eine größere, als in Haushaltungen, die über das- 
selbe Einkommen verfügen, aber dieses Einkommen bereits in dem 
ständigen Niveau der Bedürfnisbefriedigung zum Ausdruck brachten. 
Diese Haushaltungen sind daher nach einem höheren Schlüssel zu 
besteuern. Der entgegengesetzte Fall tritt ein, wenn das Einkommen 
abnimmt. Hier kann wieder die Bedürfnisbefriedigung nicht so- 
gleich reduziert werden, die Leistungsfähigkeit dieser Haushaltungen 
ist also geringer, als die jener Haushaltungen, welche wohl gleich- 
falls nur über das gleiche Einkommen verfügen, aber in der Be- 
dürfnisbefriedigung sich diesem Niveau längst anbequemt haben. 
Freilich scheint dieses Moment schon zu jenen zu gehören, die beim 
progressiven Steuerfuß schwer in Betracht gezogen werden können. 
Auch der erwähnte Schriftsteller will dasselbe nur bei der Steuer- 
veranlagung berücksichtigen. Übrigens ist es gewiß, daß, von Aus- 
nahmefällen abgesehen, die Anpassung der Bedürfnisse an das Ein- 
kommen mit Raschheit erfolgt, höchstens mit dem Unterschiede.
	        
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