Full text : Finanzwissenschaft

15 1. Buch. KEinleitende Lehren.
konnte weder durch Vermögenskonfiskationen, noch durch Geldverschlechterungen
 abgeholfen werden. Auch Sparsamkeit und
Reformen konnten das Übel nicht mehr gänzlich beseitigen. Die
Steuerquellen versiegten und mit dem Bevölkerungsdefizit, mit dem
wirtschaftlichen und sittlichen Defizit wurde auch das finanzielle
eine der Ursachen des Verfalls. Einige Haupteinrichtungen der
entstehenden neuen Ordnung sind auf die finanziellen Ordnungen
des Kaiserreiches zurückzuführen. Die zur Sicherung der Grundsteuer
 erfolgten Verfügungen führten zur Gebundenheit der Ackerbauer,
 eine der Wurzeln der späteren Leibeigenschaft; die Haftung
der Korporationen für die veranlagte Gewerbesteuer förderte die
Ausbildung des Zunftsystems.
4. Das Mittelalter und die Neuzeit. Im Mittelalter *)
sehen wir eine konsequente Entwicklung von den primitivsten Formen
des Staatshaushaltes zu höheren Formen. Im ersten Stadium des
Mittelalters hat der Staat fast nur kriegerische Aufgaben, die mittels
unmittelbarem Grundbesitz und Naturalleistungen gelöst werden.
Langsam entwickeln sich gewisse finanzielle Vorrechte. Diesem
Stadium entspricht auch die Einrichtung des Schatzes, dessen Bedeutung
 sich schon in der Tatsache widerspiegelt, daß früh das
Amt des Schatzmeisters organisiert wird. Verschenkung und Veräußerung
 des Grundbesitzes führen bald zur Erschöpfung dieser
Quelle, die dann die finanziellen Vorrechte ersetzen müssen. In
den einzelnen Staaten zeigen sich natürlich Verschiedenheiten. Wo
die Konsolidation des Staatswesens sicher vor sich geht, dort entwickelt
 sich auch bald das Steuerwesen. Im Anfang bildet die
Steuer zum großen Teil eine außerordentliche Einnahmequelle, die
die Nichtadligen bedrückt und von den Ständen bewilligt werden
muß. So entsteht in Frankreich die Taille, die sich aus den „aldes“
entwickelt, später die „capitation“. Wir begegnen in dieser Zeit
auch bald dem Schuldenwesen, das sich namentlich unter der Einflußnahme
 der römischen Kurie entwickelte. Am frühesten organısierte
 sich das Finanzwesen in den Städten. Ebenso sehen wir in England
 raschere Fortschritte. Gebühren und Zölle treten hier früh auf,
ebenso Regalien. Auch begegnen wir hier Vermögens- und primitiven
Einkommensteuerformen, die wenigstens zum Teil auch den Adel
belasten. Den raschesten Fortschritt zeigen jedoch auch in England
‚die Städte. Die größere wirtschaftliche Entwicklung, die höhere
Kultur wirkte auch auf das Finanzwesen fördernd ein. Dies er-')
 Ich beschränke mich hier auf einen kurzen Überblick, weitere Einzelheiten
 werden bei der Geschichte der Steuer usw. besprochen werden.

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