300 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
diese Alten in ihren Liedern gemeiniglich nur einen Gedanken
ausführen und solchen bis zu einem gewissen Ziele treiben,
ohne, wie es den neueren Dichtern von diesem Orden so ge—
wöhnlich ist, durch Nebendinge aufgehalten oder unterbrochen
zu werden und auf Abwege zu geraten.“ Es sind Worte,
mit denen der Dichter seine eigene Technik richtig schildert.
Freund heiteren Lebensgenusses bis in sein höchstes Alter,
typischer Repräsentant jenes ästhetischen Epikureismus, der das
Zeitalter des Rokokos kennzeichnet, hat er in heiterer Urbanität,
voll sokratischer Weisheit, wie diese von den Zeitgenossen be—
griffen ward, den Freuden höherer Geselligkeit, der Liebe, dem
Wein gehuldigt und selbst, wo er gefühlvoll wurde, aller
Sentimentalität fern in den Becher der Wehmut die Perle
eines artigen Scherzes geworfen. Und in dieser Haltung war
er von einfachster und durchsichtigster Formgebung und be—
wegte sich in ihr als dem eigentlichen Elemente seines dichterischen
Daseins.
Seine Gedichte sind daher durchweg kleine Kunstwerke von
feinem Guß, ein wenig geschwätzig, aber dennoch rasch dahin—
eilend wie vorwärtstreibende Bachwellen: nie war bisher die
deutsche Sprache gleich geläufig, gleich reizwvoll behandelt worden.
Und in dieser Richtung blieb sich der Dichter gleich, mochte
er sich, Lafontaine folgend und ihn nicht selten übersetzend,
in Fabeln und Erzählungen ergehen oder horazisch und ana—
kreontisch Empfindungen eines gemütvollen Humors oder eines
gesellschaftlichen Behagens weisheitsvoll in Epigramme und
Lieder, in Satiren und lehrsame Gedichte fassen.
Ihr Dichter voller Jugend,
Wollt ihr bei froher Muße
Anakreontisch singen,
So singt von milden Reben,
Von rosenreichen Hecken,
Von Frühling und von Tänzen,
Von Freundschaft und von Liebe:
Doch höhnet nicht die Gottheit,
Auch nicht der Gottheit Tempel.
Verdienet, selbst in Scherzen,
Den Namen echter Weisen!