sicht haben, die gewerkschaftliche Organisation in ihrem Betriebe
entweder zu verhindern oder zu zerstören, wenden sich an Detek-
tivbureaus, von denen einige sich ganz auf dieses Geschäft speziali-
siert haben. Diese senden ihre Galgenvögel in die Werkstätten,
wo sie wie andere Arbeiter beschäftigt werden und deren Ver-
trauen dadurch gewinnen, dass sie sich als „gute Kollegen“ be-
nehmen und sich in Gesprächen und Versammlungen ziemlich
radikal und aufreizend auslassen, so dass sich oft erst nach
Monaten und Jahren ihre wirkliche Rolle herausstellt. Dem Unter-
nehmer berichten sie (oder das Bureau, das sie entsendet) über
Qualitäten und Gesinnung eines jeden einzelnen Arbeiters, über
Abreden, Organisationsversuche, abgehaltene Versammlungen,
Namen der Teilnehmer oder Sprecher (als die sie selbst oftmals,
zum Schein oder zur Provokation, auftreten) und anderes mehr.
In strategisch möglichst ungünstigen Zeiten provozieren sie ge-
legentlich einen Streik, und das bedeutet dann oft die Zerstörung
jeden Ansatzes zu einer gewerkschaftlichen Organisation. Das
Beobachten und heimliche Überwachen der Arbeiter ist in den
unorganisierten Betrieben Amerikas überhaupt beschämend weit
verbreitet. In einer sonst sehr fortgeschrittenen Maschinenfabrik
zu Cincinnati zeigte und schenkte uns der Inhaber vorgedruckte
Formulare, auf denen die Werkmeister allwöchentlich über jeden
der ihnen unterstellten Arbeiter, dessen Charakter, Gesinnung,
Ausserungen, Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten in allen
Einzelheiten zu berichten haben. Der Unternehmer war auf diese
organisatorische Einrichtung sehr stolz und erklärte uns ihre
Handhabung sehr eingehend, wie er überhaupt von grösster Höf-
lichkeit war und keine Mühe scheute, uns den ganzen Betrieb zu
zeigen, obwohl wir ausdrücklich als Gewerkschaftsvertreter bei
ihm eingeführt waren.
Manche Unternehmer lassen sich diese verwerfliche Kampfart
sehr viel Geld kosten — eine merkwürdige negative Art „sozialer
Belastung‘. Welche Bedeutung man dem Spionagesystem in Ame-
rika beimisst, und für wie schädlich es in moralischer und anderer
Beziehung gehalten wird, geht daraus hervor, dass Professor Dr.
R.Cabot von der Havard-Universität es einem eingehenden wissen-
schaftlichen Studium unterzogen hat, dessen Ergebnisse er in einer
Broschüre veröffentlichte. Vieles von den Praktiken der Spionage-
politik erinnert an die uns aus Büchern bekannten Gepflogenheiten
zur Zeit der Negersklaverei, wo mit ähnlichen Mitteln Aufstände
und Widerspenstigkeiten der Neger unterdrückt wurden. Es muss
zur Ehre von Henry Ford gesagt werden, dass er, obwohl jede Ver-
handlung mit den Gewerkschaften. ablehnend, für deren Be-
kämpfung oder Unterdrückung kein Geld ausgibt.
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