134 Zweiter Teil. Handel. V. Handelsunternehmung rc.
zugute gekommen. Und es bleibt die Frage offen, ob die günstigere Lage der
kartellierten Industrien nicht oft direkt auf Kosten anderer Gewerbe erzielt worden
ist, insbesondere derjenigen, die ihre Produkte weiter verarbeiten. Kartellbildung
ist ja nicht auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens gleichmäßig möglich. Sie ge
lingt vielmehr nur da, wo bestimmte Vorbedingungen erfüllt sind. Kartelle können
nur da gedeihen, wo der scharfe Wind starken Konjunkturenwechsels nicht weht und
bei dieser Stille der Betrieb nach relativ einfachen und ziemlich feststehenden Grund
sätzen erfolgt. Sie setzen ferner einen möglichst gleichmäßigen, nur geringe Qualitäts
unterschiede zulassenden Charakter der hergestellten Waren voraus. Man darf es
den Produkten möglichst wenig ansehen, aus welcher Fabrik sie stammen, so daß
es dem Abnehmer ziemlich gleichgültig ist, welches Fabrikat er erhält. Ebenso wie
sich eine sehr große Mannigfaltigkeit von Produkten dem Vertrieb auf gemeinsame
Rechnung entzieht, ist dies auch der Fall, wenn die Gestaltung der Waren nach
Form, Farbe und Material sich schnell und häufig ändert. Industrien, deren Artikel
der Mode unterworfen sind, und deren Produktion sich der rasch wechselnden Ge
schmacksrichtung der Konsumenten anpassen muß, können sich nicht zu Kartellen
zusammenschließen, oder die Vereinigung kann höchstens sehr lose und infolgedessen
unwirksame Formen annehmen. Die Kartellierung erfordert ferner eine gewisse
Konzentration der Erwerbszweige, bei denen sie Bestand haben soll. Die Zahl der
Betriebe darf nicht mehr allzu groß sein. Man kann zwar, wie das Beispiel einiger
Kartelle zeigt, einige Hundert, aber man kann nicht viele Tausende von Unter
nehmungen zu gemeinsamem Vorgehen vereinigen. Nur die Gewerbezweige, in
denen der Großbetrieb schon ziemlich vollständig gesiegt hat, und die zugleich eine
gewisse Gleichförmigkeit des Produktionsprozesses sowie der hergestellten Waren
zeigen, sind für die Kartellbildung reif. Diese Voraussetzungen sind aber am meisten
verwirklicht im Bergbau, in der chemischen Industrie, sowie bei der Erzeugung von
Halbfabrikaten. Diese Produktionszweige sind daher auch das eigentliche Feld der
Kartellbildung. Das geht aus der vom Reichsamt des Innern Anfang 1906 ver
öffentlichten Liste über die im Sommer 1905 in Deutschland vorhanden gewesenen
Kartelle hervor. Die Übersicht weist im ganzen 385 Kartelle nach, davon entfallen
auf die Kohlenindustrie 19, die Eisenindustrie 62, die übrige Metallindustrie 11, die
chemische Industrie 46, die Textilgewerbe 31, die Holz- und die Papierindustrie 11,
die Glasindustrie 10, die Ziegelfabrikation 132, die Industrie der Steine und Erden
27, die Nahrungs- und Genußmittelgewerbe 17, sonstige Industriezweige 17. Bei
solchen Kartellstatistiken ist freilich stets zu beachten, daß es nicht angeht, die Be
deutung des Kartellwesens nach der Zahl der existierenden Kartelle zu beurteilen.
Das Entscheidende für die wirtschaftliche Bedeutung eines Kartells ist seine Organisa
tionsform sowie die Größe der Produktion, die es beeinflußt. Die volkswirtschaftliche
Bedeutung der Kartelle der Montan- und Metall-, sowie der chemischen Industrie
ist daher unvergleichlich größer als die der viel zahlreicheren Ziegeleikartelle.
Es läßt sich heute, wo wir noch in den Anfängen der Ära der Kartelle stehen,
nicht recht sagen, wohin die industrielle Kartellbewegung schließlich führen wird.
Wir werden uns aber wohl daran gewöhnen müssen, in den Kartellen nicht nur eine
vorübergehende Folgeerscheinung unserer gegenwärtigen Handelspolitik, sondern
einen dauernden Bestandteil der modernen Wirtschaftsverfassung auf großindustriellem
Gebiet zu sehen. Der kartellmäßige Zusammenschluß der Angehörigen eines Ge
werbes ist da, wo er möglich ist, etwas ebenso Natürliches und Normales in einer
rechtlich auf der Gewerbefreiheit beruhenden Volkswirtschaft wie der tatsächliche
Zustand der freien Konkurrenz. Ohne Zweifel bedeuten auch die Kartelle in mancher
Richtung einen wichtigen wirtschaftlichen Fortschritt: in die Anarchie der heutigen
Produktionsweise wird durch sie eine gewisse Übersicht und Ordnung gebracht, sie