Tonkunst.
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wollte man eine Lehre des Skeletts des musikalischen Körpers
geben.
Was bieten nun Harmonik, Stimmführung und Rhythmik
—V
Am wichtigsten wird es sein, die Harmonik zu betrachten.
Und hier wird zum genaueren Verständnis bis auf diejenige
Periode der musikalischen Entwicklung zurückzugreifen sein, die
den harmonischen Satzbau brachte, alfo das zweite, mit dem
14. und 15. Jahrhundert einsetzende, mit dem 18. Jahrhundert
zum Aushallen gelangende Zeitalter der deutschen Musik. Da
war nun die Harmonisierung anfangs grundsätzlich und auch
praktisch fast ausnahmslos diatonisch, d. h. es wurden zur
Bildung der Harmonien überwiegend Ganztöne, im Gegensatz
zur chromatischen (und enharmonischen) Tonfolge, benutzt.
Dabei galt dann für die Melodiebildung wie noch heute, daß
diejenige Stufe der diatonischen Tonleiter, auf die allein irgend
ein Akkord bezogen werden kann, das sogenannte Fundament, als
einzige Erkenntnisquelle der Konsonanzen und Dissonanzen in
Betracht kam.
Die in diesen Schranken verlaufende Musik hat für unsere
heutigen Ohren etwas Hartes, Herbes, Erhabenes — in Summa
Frühzeitliches; es sind die Enpfindungen, die der protestantische
Choral in seiner ursprünglichen Harmonisierung in uns erweckt.
Dem 17. Jahrhundert aber fing diese Musik bereits an,
zu rauh, zu kantig und eckig gleichsam zu klingen; es begann
darum, die härtesten Akkorde durch „Färben“ der Töne, durch
Einführung von Halbtönen zu mildern: die Chromatik erhob
ich neben der Diatonik. Im 18. Jahrhundert standen dann
Chromatik und Diatonik — etwas schematisch und massiv
ausgedrückt — gleichberechtigt nebeneinander. War da nun
anzunehmen, daß diese Verschiebung von der Diatonik zur
Chromatik mit jenem neuen, dritten Zeitalter unserer Musik⸗
zeschichte abbrechen werde, das leise seit der Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts einsetzte? Wie wäre das denkbar gewesen, da doch
gerade auf der Einführung der chromatischen Elemente, der
zebrochenen Farben gleichsam, jene schärfere Schattierungs—