fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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wollte man eine Lehre des Skeletts des musikalischen Körpers 
geben. 
Was bieten nun Harmonik, Stimmführung und Rhythmik 
—V 
Am wichtigsten wird es sein, die Harmonik zu betrachten. 
Und hier wird zum genaueren Verständnis bis auf diejenige 
Periode der musikalischen Entwicklung zurückzugreifen sein, die 
den harmonischen Satzbau brachte, alfo das zweite, mit dem 
14. und 15. Jahrhundert einsetzende, mit dem 18. Jahrhundert 
zum Aushallen gelangende Zeitalter der deutschen Musik. Da 
war nun die Harmonisierung anfangs grundsätzlich und auch 
praktisch fast ausnahmslos diatonisch, d. h. es wurden zur 
Bildung der Harmonien überwiegend Ganztöne, im Gegensatz 
zur chromatischen (und enharmonischen) Tonfolge, benutzt. 
Dabei galt dann für die Melodiebildung wie noch heute, daß 
diejenige Stufe der diatonischen Tonleiter, auf die allein irgend 
ein Akkord bezogen werden kann, das sogenannte Fundament, als 
einzige Erkenntnisquelle der Konsonanzen und Dissonanzen in 
Betracht kam. 
Die in diesen Schranken verlaufende Musik hat für unsere 
heutigen Ohren etwas Hartes, Herbes, Erhabenes — in Summa 
Frühzeitliches; es sind die Enpfindungen, die der protestantische 
Choral in seiner ursprünglichen Harmonisierung in uns erweckt. 
Dem 17. Jahrhundert aber fing diese Musik bereits an, 
zu rauh, zu kantig und eckig gleichsam zu klingen; es begann 
darum, die härtesten Akkorde durch „Färben“ der Töne, durch 
Einführung von Halbtönen zu mildern: die Chromatik erhob 
ich neben der Diatonik. Im 18. Jahrhundert standen dann 
Chromatik und Diatonik — etwas schematisch und massiv 
ausgedrückt — gleichberechtigt nebeneinander. War da nun 
anzunehmen, daß diese Verschiebung von der Diatonik zur 
Chromatik mit jenem neuen, dritten Zeitalter unserer Musik⸗ 
zeschichte abbrechen werde, das leise seit der Mitte des 18. Jahr⸗ 
hunderts einsetzte? Wie wäre das denkbar gewesen, da doch 
gerade auf der Einführung der chromatischen Elemente, der 
zebrochenen Farben gleichsam, jene schärfere Schattierungs—
	        
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