5. Die deutsche Handlungsgehilfen-Bewegung und ihre Träger. 153
lungsgehilfen in sozialdemokratischen Händen. In Deutschland wollten sich die Ver
hältnisse, wie es den Anschein hatte, ähnlich gestalten. Die bestehenden Verbände
schenkten der sozialdemokratischen Propaganda keine Beachtung. Da fanden sich in
Hamburg einige Mitglieder des 58er Vereins, die sich unter der Führung eines
jungen, redegewandten Handlungsgehilfen I r w a h n den sozialdemokratischen Agi
tatoren auf eigene Faust entgegenstellten. Der Erfolg war über Erwarten günstig.
Eine ganze Anzahl Handlungsgehilfen trat aus den sozialdemokratischen Vereinen
aus, und mit diesen „Geretteten" wurde im Herbst 1893 der D e u t s ch n a t i o n a l e
Handlungsgehilfen-Verband gegründet. Eine Hauptaufgabe des jungen
Verbandes war es natürlich zuerst, den Kampf um die Vorherrschaft im Handlungs
gehilfenstande mit der Sozialdemokratie zu Ende zu führen. Ging es dabei in den
Jahren 1894—1899 auch heiß her, so war der Sieg der deutschnationalen Richtung
nach Ablauf dieser Jahre doch ein unbestrittener. Ein maßgebender Faktor konnte
die Sozialdemokratie innerhalb des deutschen Handlungsgehilfenstandes nicht mehr
werden.
Die Gründung und die Ereignisse in den Erstlingsjahren des jungen Verbandes
brachten es mit sich, daß die Grundrichtung eine radikalere blieb. Die Stellenver
mittlung wurde nicht als Hauptzweck, sondern besonders in den ersten Jahren als
eine sehr nebensächliche Nebensache betrieben. Hauptzweck wurde und blieb die
sozialpolitische Tätigkeit für den Handlungsgehilfenstand. Begreiflicherweise führte
die Verschiedenheit der Auffassungen über die eigentlichen Aufgaben eines kauf
männischen Vereins zu Reibereien und auch zu offenen Streitigkeiten mit den anderen
„paritätischen" Verbänden, denen der Deutschnationale Verband Vernachlässigung der
Gehilfeninteressen vorwarf. Diese Streitigkeiten dauern auch jetzt immer noch fort
und kommen z. B. bei den Wahlen zu den Kaufmannsgerichten immer wieder zum
Ausbruch.
Die Reibereien, so unangenehme Begleiterscheinungen sie hin und wieder zu
tage förderten, hatten aber das Gute, daß die Masse der Gleichgiltigen innerhalb
und außerhalb der kaufmännischen Verbände aufgerüttelt wurde. Alle Verbände
wuchsen, alle erhöhten ihre Leistungen, alle verdoppelten ihre Tätigkeit. Die Kon
kurrenz belebte das Geschäft.
Heute ist das Bild der deutschen Handlungsgehilfen-Bewegung etwa das
folgende:
Der größte der kaufmännischen Vereine nicht allein Deutschlands, sondern der
ganzen Welt, ist der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Ver
band zu Hamburg mit mehr als 125 000 Mitgliedern. Er erhebt einen Monats
beitrag von 1,50 Jl. Als feine Hauptaufgabe betrachtet er die sozialpolitische Tätig
keit. Außerdem arbeitet er mit Nachdruck für die Fortbildung des kaufmännischen
Nachwuchses durch viele Hundert eigener Unterrichtskurse. An Wohlfahrtseinrich
tungen besitzt er eine Stellenvermittlung, einen Rechtsschutz, eine Darlehnskasse, eine
Auskunftei und vor allen Dingen die einzige wirkliche kaufmännische Versicherung
gegen Stellenlosigkeit, die seit 1898 etwa 725 000 Jl Renten ausbezahlt hat.
An zweiter Stelle steht jetzt der Verein für Handlungs-Commis
von 1858 mit mehr als 112 000 Mitgliedern. Er erhebt einen Halbjahresbeitrag
von 6 Jl, der sich nach zehnjähriger Mitgliedschaft noch etwas ermäßigt. Der 58er
Verein zeichnete sich von jeher durch Stetigkeit in der Entwicklung und Stetigkeit
in den Ansichten aus. Der Hamburger Kaufmann, der innerhalb des Vereins das
gewichtigste Wort spricht, ist in seinen Gewohnheiten und Lebensanschauungen —
natürlich nicht im parteipolitischen Sinne — konservativ. An dieser Gesinnung sind
auch bisher alle Versuche gescheitert, die darauf hinausliefen, das Schwergewicht des