Das Wesen des wirtschaftlichen Imperialismus.
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sierung geworden. Der Imperialismus drängt zur Ausfuhr von Erzeugnissen
der Landwirtschaft bei günstigen Ernten und von industriellen Erzeug
nissen bei maschineller Massenproduktion; in seiner höchsten Entwicklung
aber zur Ausfuhr von Kapital.
Der Imperialismus auf wirtschaftlichem Gebiete erfaßt aber auch
die Einfuhr. Infolge der fortschreitenden Industrialisierung geht der
Bodenertrag zurück und es entsteht ein im Inlande nicht zu deckendes
Bedürfnis nach Lebensmitteln für die arbeitende Bevölkerung.
Auch die Industrie selbst bedarf der Einfuhr von Eohstoffen und
Halbfabrikaten.
Die wirtschaftliche Notwendigkeit drängt nicht nur zur Ausfuhr und
Einfuhr, sondern auch zur Sicherung der Absatzmärkte und Einfuhr
länder gegen jeden Wettbewerb. Diese Sicherung kann sich sowohl der
Machtmittel wie der Rechtsmittel bedienen. In den primi
tiveren Stufen der wirtschaftlichen Ausdehnung überwiegt gegenüber Völ
kern minderer Gesittung und schon gar gegenüber den noch nicht in die
Völkerrechtsgemeinschaft auf genommenen Naturvölkern die Ausrüstung
und Stützung wirtschaftlicher Unternehmungen mit militärischen Macht
mitteln. Die Gewährung des Schutzes durch Androhung oder An
wendung der militärischen Gewalt zu Lande oder zur See steht in erster
Linie. Anfänglich parallel, später aber überwiegend — insbesondere
nach Aufteilung aller neu zu besiedelnden Länder unter die Großmächte
—• beginnt das Rechtsmittel des Vertrages ein immer mehr gebrauchtes,
aber auch mißbrauchtes Werkzeug wirtschaftlicher Eroberung zu werden.
Das Streben läuft darauf hinaus, die Absatz- und Einfuhrmärkte, teils
durch Verträge mit ihren politischen Beherrschern, teils durch Verträge
mit den gefährlichsten Wettbewerbern zu sichern. Der wirtschaftliche
Imperialismus bedient sich hierbei jener Mittel der Gewalt, die im
privatwirtschaftlichen Verkehre schon lange vorgebildet und in ihrer
Gemeinschädlichkeit erkannt sind. Vielfach bildet der Vertrag
nur die Rechtsform, in der ein durch militärische oder wirtschaftliche
Übermacht errungener Zustand für längere Zeiten und in bestimmten
Grenzen festgelegt werden soll. Es mehren sich die Verträge über die
Abgr
enzung wirtschaftlicher E influßsphären. Auf Perioden
friedlicher Betätigung des Ausdehnungsdranges folgen Perioden von
Kolonialkriegen.
boweit der wirtschaftliche Imperialismus nicht auf die reine Macht
entfaltung um ihrer selbst willen zurückgeht, sondern volkswirtschaftlich
verursacht wird, ist er zum wesentlichen Bestandteil der Großmacht
politik geworden. Die bereits geschilderte Abhängigkeit von
Ein- und Ausfuhr bringt es zunächst mit sich, daß bei allen Großmächten
ein mehr oder minder lebhaftes Verlangen nach wirtschaftlicher Selbst-
genügsamkeit entsteht. Ja man hat eine relative wirtschaftliche
Lenz, Der Wirtscliaftskampf der Völker und seine internationale Regelung. 3