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Die Gruppe.
Gruppe: die Gruppe steht ihren Individuen als ein objektives Gebilde
gegenüber — als eine Gestalt, die im Wandel der Personen beharrt.
Wir legen unserer Betrachtung im folgenden einen Idealtypus der
Gruppe zugrunde. Wir verstehen darunter mit Max Weber eine volle,
uanverkümmerte Ausprägung aller Eigenschaften der Gruppe, die uns als
wesentlich erscheinen. Der Idealtypus ist also kein Begriff, der auf dem
Wege der Induktion aus einzelnen Beispielen abgeleitet ist; zwar ist er
aus der Erfahrung abgeleitet, aber so, daß die Erfahrung in einem ge-
wissen Sinne vermöge einer Art künstlerischer Auffassung ergänzt wird.
Die. Tatsachen des Gruppenlebens beruhen auf einer Reihe angeborener
Anlagen des Menschen. Denken wir uns diese völlig zur Entfaltung ge-
kommen, ungestört durch anderweitige Einflüsse, so stellt sich uns der
[dealtypus dar. Die tatsächlichen Gruppen, die die Erfahrung bietet,
zeigen die Eigenschaften des Idealtypus natürlich nur in angenäherter
Weise. Und zwar ist der Grad der Annäherung je nach den Verhält-
nissen sehr verschieden. Wir wollen im folgenden in dieser Beziehung,
je nachdem eine größere oder geringere Annäherung besteht, zwischen
Gruppen mit stark ausgeprägtem und solchen mit schwach ausgeprägtem
Gruppencharakter, oder kürzer gesprochen, zwischen „starken“ und
„schwachen“ Gruppen unterscheiden.
2. Die Gruppe beharrt in dem Kommen und Gehen der Indivi-
iuen. Sie gleicht dem Strom, dessen Wasser sich fortgesegt in dem
zleichen Bett bewegt: wechselnde Tropfen, stets in die gleiche Form,
zleiche Lagen- und Bewegungsverhältnisse, gebracht. Der Inhalt wech-
selt bei ihm, die Form beharrt. So stellt sich uns die Gruppe nach ihrer
;substanziellen Seite dar unter dem Bilde der jeweilig zusammen-
lebenden und im sozialen Zusammenspiel befindlichen Individuen. Nach
ihrer aktuellen Seite aber bedeutet sie eine feste Form des
Lebens. So kann man von dem Geist einer Familie oder Sippe
sprechen, der sich in den Verhaltungsweisen aller Angehörigen betätigt;
»benso von dem herrschenden Geist in einem Institut oder Amt. Diese
Form kann sich freilich wandeln, aber der Wandel unterliegt bekannt-
lich dem Geseg der Stetigkeit; und er erfolgt nur in einer gewissen orga-
nischen Weise, ähnlich wie bei einer menschlichen Individualität, sodaß
man hier wie dort von einer Entwicklung eines einheitlichen Gebildes
sprechen muß.
Das Individuum wird in die Gruppe hineingeboren (beim Typus des
Männerbundes wird es statt dessen durch den Willen der übrigen auf-
genommen) und lebt dauernd in der Gruppe. Die Gruppe gestaltet die
Persönlichkeit jedes einzelnen in sie eintretenden Mitgliedes ($ 16) und
prägt ihr den Stempel der Gruppeneigentümlichkeit auf. Damit ist frei-