(
— 25 -
Stelle selbstverantwortlicher, bodenständiger,
selbstbewusster Burger, die sich nach eigener
Veranlagung frei entwickeln und auswirken, sind
abhängige, furchterfüllte Beamte getreten, die
ihre wirtschaftliche Selbständigkeit eingetauscht
haben gegen eine Entlastung von finanziellen
Sorgen, derart, dass ihnen Ende jeden Monats
oder bis zum Ende einer Vertragszeit ein Ein
kommen in bestimmter Höhe garantiert wird,
ohne jedoch, dass ihnen andererseits die Mög
lichkeit gegeben ist, durch ihre Arbeit eine
Garantie auf Existenz, wie beim Staats- oder
Gemeindebeamten erwerben zu können. Der
unselbständige Mittelstand steht beständig vor
dem Gespenst der Kündigung und Kündbar
keit, die ohne Angabe von Grund und Ursache
stets erfolgen kann, sei es zufolge vorgeschrittenen
Alters, sei es aus politischen, technischen oder
wirtschaftlichen Motiven usw. Der Qrossbetrieb
ist in einer Zeit, in der es notwendig geworden
ist, Erzeugnisse zu liefern, die eine Konzentration
von zahlreichen Kräften und Kapital erfordern,
teilweise zweifellos eine Notwendigkeit. Man
kann grosse Schiffe, grosse Maschinen, Verkehrs
unternehmungen usw. im Kleinbetrieb nicht her-
stellen oder betreiben. Aus dieser tatsächlich
notwendigen, technisch begründeten Existenz des
Grossbetriebes hat sich aber sehr bald eine
ausserordentliche Ueberspannung durch die
eingetretene Ueberproduktion und Konzen
tration von Anlage suchendem Kapital ergeben.
Das Kapital saugt Fabrikationszweige auf, die
weder aus technischen noch wirtschaftlichen
Gründen im Grossbetrieb oder Riesenbetrieb
betrieben werden müssen, sondern nur des
halb, weil im Grossbetriebe die Möglichkeit einer
höherer Rente und der Monopolisierung
gegeben ist, und aus dieser sich enorme
Gewinne erzielen lassen.
Hinzu kommt die psychologische und materia
listische Erscheinung des Gelderwerbswahn
sinnes. Wir leben in der Zeit des Rekord
wüten s, und dieses Rekordwüten, diese patho
logische Erscheinung, hat es dahin gebracht,
dass zahlreiche führende Köpfe ihre Lebensauf
gabe nur noch darin erblicken, wie sie die
Zahl der Arbeiter ihrer Betriebe vermehren,
wie sie aus grossen Gebilden immer noch
grössere schaffen können. Und das Volk ist in
fiziert, man freut sich tatsächlich, dass ein Waren
haus statt 10 000 Menschen jetzt 15 000 bereits
beschäftigt, wenn die Zahl der Fabrikbetriebe,
die 30 000 Menschen beschäftigen, wieder um
zwei oder drei gestiegen ist usw. Dieses Rekord
wüten ist eine Erscheinung unserer Zeit, ebenso
auf dem Gebiet des Sportes, nie sonst irgend
wo. Der Staat unterstützt diese einseitige Ent
wicklung in jeder Weise, indem er Männer, die
diese wirtschaftlich krankhafte Vergrösserungs-
sucht auszeichnet, dafür noch mit Orden und
Titeln ehrt, statt sie zu zwingen, ihre über
ragende Intelligenz nach anderen Richtungen
zu konzentrieren, und zwar nach dem Ziel, ihre
organisatorischen Kräfte dienstbar zu machen,
um den existenzfähigen Mittelstandsbetrieb
durch Ausbau von Organisationen weltmarkt
fähig zu machen. Wir stehen hier vor der Er
scheinung, dass ungesunde, unnatürliche Zu
stände durch das Verfolgen einseitiger Rich
tungen sich ergeben, ohne dass der Staat eine
Richtungsänderung in der Betätigung er
zwingt. Im Gegenteil arbeitet der Staat heute
vorwiegend mit den Leuten zusammen, die durch
ihre Riesengeldmittel ihm gefällig sein können.
Er hat ja am Mittelstand kein Interesse, denn dort
können einzelne Personen die Mittel nicht her
geben, die für diese oder jene Sonderzwecke be
nötigt werden. Das können aber die gross
kapitalistischen Kreise.
Wir stehen vor der Erscheinung, dass der
Staat, der mittelstandsfreundlich sein will, mit
ansieht, wie die Grossbanken das Land mit
Bequemlichkeiten bietenden Depositenkassen
überziehen, um mit dem Gelde des Mittel
standes, das sie an sich ziehen, Grossbetriebe
zu finanzieren, seien es die grossen Warenhäuser,
seien es Grundstückspekulationsgesellschaften,
Fusionen usw. Das hat zur Folge, dass man
den Mittelstand mit seinem eigenen Gelde
totmacht.
Der Mittelstand ist nicht dem Untergang ge
weiht, er ist lebensfähig, aber er wird mit Ge
walt totgeschlagen durch die Riesenmacht des
Kapitals, deren er allein sich unmöglich er
wehren kann, und durch die Unterstützung, die
es bei der Regierung dazu noch findet. Wir
befinden uns durch die Fortschritte der Technik
allerdings in einer Uebergangszeit, in einer
wirtschaftlichen und sozialen Revolution, es
ringen so enorm viele Kräfte um ihre Existenz
und ihren Platz an der Sonne, dass es schwer ist,
den Kristallisationsprozess zu erkennen. Es ist
aber wahrscheinlich, dass wir zu einer gemischten
Form des Produktionsverfahrens kommen
können und vielleicht kommen werden, zum
Staats-, Gross- und Mittelbetrieb, allerdings nur
dann, wenn der jetzigen Vergewaltigung
durch das Qrosskapital Einhalt getan wird. Oder
will man behaupten, dass der jetzige Aus
scheidungsprozess natürlich, gesund und berechtigt
ist, dass derjenige, der sich auf mehr oder
weniger einwandfreie Weise ein Riesen
vermögen schafft und dieses und die Macht, die
es gibt, nun dazu benutzt, mit diesem Macht
mittel, ohne Bestehen wirtschaftlicher
oder technischer Notwendigkeiten, selbst
ständige Betriebe aufzusaugen oder zu vernichten,
indem er an die Grossbetriebe immer neue Be
triebe, die auch selbständig weiter lebensfähig
sind, angliedert, dann haben allerdings diese
Leute recht. Ein Napoleon hat sich auch das
Recht angemasst, ganz Europa zu unterjochen,