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Das Sinken der Produktivkräfte hält auch nach Friedensschluß
an. Die Imperialisten glaubten, die Weltwirtschaft mit Methoden
organisieren zu können, die die Weltwirtschaft negieren. Die
Sieger glaubten, sich aus der Patsche ziehen zu können durch eine
schonungslose Ausbeutung, die letzten Endes jede Möglichkeit
dieser Ausbeutung aufhebt. Aber der Geist der Weltkonkurrenz
spielt ihnen ein böses Spiel und zwingt sie, miteinander zu
kämpfen. So zeigt die Geschichte dem Imperialismus ihr ver
hängnisvolles a posteriori, das sich jäh den „Siegern“ in seiner
ganzen erschreckenden Nacktheit darbietet.’)
Die wirtschaftliche Isolierung und die Trennung der Ver
bindungen während des Krieges, die Folgen dieses Zustandes
*) John Keynes schreibt in seinem Buche: „Die wirtschaftlichen
Folgen des Friedensvertrages“ (Deutsche Uebersetzung, München und
Leipzig, 1920): „Der Friedensvertrag enthält keine Bestimmungen zur wirt
schaftlichen Wiederherstellung Europas, nichts, um die geschlagenen Mittel
mächte wieder zu guten Nachbarn zu machen, nichts, um die neuen Staaten
Europas zu festigen, nichts, um Rußland zu retten. Auch fördert er in
keiner Weise die wirtschaftliche Interessengemeinschaft unter den Ver
bündeten selbst, lieber die Ordnung der zerrütteten Finanzen Frankreichs
und Italiens oder den Ausgleich zwischen den Systemen der alten und der
neuen Welt konnte man sich in Paris nicht verständigen." (S. 184—185).
Keynes charakterisiert die Situation folgendermaßen; „Die bezeichnenden
Züge der gegenwärtigen Lage lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:
1. das vollständige zeitweise Nachlassen der inneren Produktivität Europas,
2. der Zusammenbruch des Verkehrswesens und des Austausches und
3. Europas Mangel an Kaufkraft zur Beschaffung der gewohnten Waren
von Uebersee.“ (S. 188—189.) Keynes spricht von der drohenden sozialen
Katastrophe und der Stimmung der herrschenden Klassen. Der Zusammen
bruch des imperialistischen Systems jagt den Imperialisten noch die
Liebe zur Interessengemeinschaft ein. So erzählt Ing. Roedder (1. c,
S. 50): „Wie Bausteine eines großen Gefüges sich gegenseitig tragen, an-
einanderlegen und schirmen, so beruht auch im Zusammenleben und
gemeinsamen Vorwärtsstreben der Nationen eine auf der anderen. Ist aber
ein Baustein zermürbt, so muß er beizeiten durch einen besseren ersetzt
werden, damit nicht dem ganzen Bau eine Gefahr erwächst" usw. Alle
diese trübseligen Betrachtungen schließen mit dem tragischen: „Sein oder
Nichtsein — das ist die Frage“. Dem kapitalistischen System antwortet die
Geschichte mit einem entschiedenen Nein.