Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Adam Smith. 
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Ricardo mit Recht, daß der Profit eines Kaufmannes nicht notwendiger 
weise die Menge der Gehrauchsgüter in einem Lande vermehrt. 
Wiederum ist Smith hier, wie schon den Physiokraten gegen 
über, unbewußt dem Einfluß seiner eigenen Gegner unterlegen. Er 
hat den Merkantilismus noch nicht genügend abgestreift, um sich 
nicht vor allen Dingen mit dem Interesse der Produzenten zu be 
fassen. Daher fimhj^mau bei dem großen Gelehrten ausgezeichnete 
Beweisführungen neben bestreitbaren Gesichtspunkten. Der Wider 
spruch scheint ihm selbst nicht klar geworden zu sein. Alles drängte 
mit unwiderstehlicher Gewalt nach einer freieren Politik. Diese 
Strömung war viel zu mächtig, als daß ihre Zeitgenossen in der Lage 
gewesen wären, Satz für Satz jeden Teil der These Smith’s zu unter 
suchen. Es genügte ihnen, bei ihm eine glühende Verteidigung zu 
gunsten eines verführerischen Zieles zu finden. 
Mehr als einmal haben wir schon auf die genau abwägende Be- 
dachtsamkeit Smith’s in der Anwendung seiner Grundsätze hingewiesen. 
Auch hier müssen wir sie nochmals hervorheben. 
Theoretisch Anhänger des absoluten Freihandels, unterläßt er es 
nicht, bei der praktischen Anwendung dieser Politik Einschränkungen 
zu machen, die sein gesunder Menschenverstand ihm aufdrängt. „Die 
Hoffnung zu hegen“, sagt er, „daß die Handelsfreiheit in Groß 
britannien jemals vollkommen hergestellt wmrde, ist freilich ebenso 
töricht, als wenn man erwarten wollte, daß hier einmal eine Oceana 
oder ein Utopien zustande kommen werde. Dem stehen nicht nur 
die Vorurteile des Publikums, sondern, was noch weit unbezwing- 
licher ist, die Privatiuteressen vieler einzelner geradezu im Wege“. 1 ) 
Diese Voraussage ist, wie so viele andere, durch die Tatsachen 
widerlegt worden. England hat im 19. Jahrhundert fast vollständig 
die „Utopie“ des absoluten Freihandels verwirklicht. 
Ohne Illusionen über die Zukunft, verurteilt er ebensowenig 
alle Maßnahmen der Vergangenheit. Er rechtfertigt sogar selbst 
gewisse Akte der merkantilistischen Politik. So schreibt er, daß die 
Navigationsakte 2 3 * ) dem Handel nicht günstig gewesen sind; sie 
waren aber vielleicht die weiseste handelspolitische Verordnung 
Englands, denn „die nationale Verteidigung ist weit wichtiger als 
Reichtum“ 8 ). In einem anderen Falle tritt er für die Berechtigung 
‘) Völkerreichtum II, S. 26, B. IV, Kap. II am Ende. 
2 ) Man nennt „Navigationsakte (Acts of navigation) eine Reihe von Gesetzen, 
deren wichtigste ans der Zeit Cromwell’s stammen. Ihr Zweck war, den englischen 
Handel zu zwingen, sich fast ausschließlich englischer Schiffe zu bedienen, um so 
eine starke englische Flotte zu schaffen und die Vorherrschaft der holländischen 
Schiffe zu vernichten. Diese Gesetze scheinen auch wirklich außerordentlich zu der 
enormen Entwicklung der englischen Flotte beigetragen zu haben. 
3 ) Völkerreiohtum II, S. 22, B. IV, Kap. II. 
Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 8
	        
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