Full text: Lebenserinnerungen

ein volles Betficfjfelbslsein; das bloste Streben nach Leben kann 
unmöglich das Leben ausfüllen, es weist zwingend über sich selbst 
hinaus zu einem Kelch der Inhalte. Mehr und mehr hat diese 
Lage allen inneren Zusammenhang aufgegeben, immer weniger 
können wir der sinnlichen Welt eine unsichtbare entgegensetzen. 
Und doch können wir von einer solchen nicht lassen, wenn nicht 
das Leben uns allen Sinn und Wert verlieren soll. So umfängt 
uns heute ein peinlicher Widerspruch. Dieser Widerspruch wird 
immer unerträglicher, er erschüttert immer mehr die elementaren 
Grundlagen des menschlichen Zusammenseins; alles was wir 
bisher als feste Stützen betrachteten und schätzten, ist wankend 
geworden; vieles, was bisher als selbstverständlich galt, ist fetzt 
zu einem schweren, kaum lösbaren Problem geworden; im 
besonderen erfahren wir in trauriger Weise einerseits eine Ver 
weichlichung, andererseits eine Verwilderung des Lebens. So ist 
die geistige und moralische Kräftigung, fa Umwälzung das 
dringendste Problem; wir bedürfen einer gründlichen Lrneuerung 
des geisteslebens. 
Dieses Problem ist latenter Art, es zieht sich durch die Jahr 
hunderte. Über zu einem akuten ist es geworden durch das stür 
mische Auftreten und Vordringen der sozialen Trage. Diese 
Wendung begann mit dem Herrwerden des Menschen über die 
Uaturkräfte; das dünkte mit Kecht zunächst als ein groster und 
unbestreitbarer gewinn. Über diesem gewinn sind ungeheure Ver 
wicklungen entsprungen. Die Ort der Arbeit wurde völlig ver 
ändert, es fiel das persönliche Verhältnis des Menschen zu seinem 
eigenen Werke weg, die Orbeil emanzipierte sich vom Menschen, sie 
schost in unübersehbare Komplexe zusammen, die mehr und mehr 
eigene Kräfte erzeugten und eigenen gesetzen folgten. Damit ent 
stand ein schroffer Konflikt zwischen Arbeit und Seele, zwischen 
Dbfekt und Subfekt; das Subfekt gab sich als die Hauptsache, 
es wollte nicht ein blosies Mittel und Werkzeug der Arbeit 
bleiben. Diese Lntwicklung ergab schwerste Konflikte, deren 
Wirken und Walten uns unmittelbar umfängt. Unzweifelhaft ist 
dadurch manches im Stand der Menschheit dauernd verändert 
und gefördert; so haben wir z. B. das Selbständigwerden eines 
Arbeiterstandes als einen gewinn der Menschheit zu begrüsten, so 
stehen wir weiter bei dem gewaltigen Problem der Schichtung der 
menschlichen geselllchaft. Lange Jahrtausende haben die Mensch 
heit in zwei Hauptschichten geschieden: die eine sollte führen, die 
andere folgen, die eine herrschen, die andere dienen; diese Scheidung 
nahm verschiedene gestaltungen an, aber die grundtaksache dünkte 
unantastbar. Vun aber ist das Problem in vollen Tlust geraten; 
immer stürmischer erhebt sich die Forderung einer vollen gleichheit
	        
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