Full text : Lebenserinnerungen

der  Menschen,  alle  Ungleichheit  wird  von  einem  grasten  Zuge  der
Menschheit  als  eine  Ungerechtigkeit  verpönt,  es  wird  eine  klassenlose ­
  gesellschaft  als  ein  unbedingtes  Nechk  gefordert.  Dieser
Wendung  widersteht  aber  dieTatsache,daß  nicht  nur  die  Natur  die
Menschen  verschieden  ausstattet,  sondern  dast  auch  die  Kultur  zu
ihrer  Entwicklung  deutlicher  Qbstände  bedarf  und  eine  Zerlegung
des  Zusammenlebens  in  eine  höhere  und  eine  niedere  Lchicht  verlangt; ­
  verwerflich  ist  eine  solche  Lcheidung  nur,  wenn  sie  blast  besonderen ­
  Klassen,  nicht  den  Zwecken  des  ganzen  dient.  Jene  Zerlegung ­
  begründet  sich  aus  der  Notwendigkeit,  einem  begrenzten
Lebenskrcife  die  Hauptsorge  für  die  geistige  Lelbsterhaltung  der
Menschheit  zuzuweisen.  Lin  solcher  Kreis  kann  nicht  bestehen  und
gedeihen  ohne  ein  gegenseitiges  Ineinandergreifen  und  einen  festen
Zusammenhang  des  Wirkens  über  die  Individuen  hinaus,  nicht
ohne  die  Bildung  einer  Tradition,  welche  die  Ürbeit  der  Menschheit
in  sich  aufnimmt  und  sie  fortführt,  auch  nicht  ohne  eine  Befreiung
von  der  dringendenNotdesphpsifchenVaseins;  auch  fordert  er  durchgebildete ­
  Denkweisen  und  Methoden,  nicht  nur  einzelne  Leistungen
und  Handgriffe.  Unmöglich  können  wir  das  alles  wegwerfen,  um
dem  Trugbild  einer  klassenlosen  gesellschaft  anzuhangen,  die  sich
bald  als  eine  kulkur-  und  geistlose  erweisen  müstke.  Zugleich  aber  ist
eine  eigentümliche  Lebensgestalkung  entstanden,  welche  alles  gedeihen ­
  vom  wirtschaftlichen  Wohlergehen  erwartet,  damit  alle
selbständige  und  selbstwertige  geistigkeit  leugnet  und  alles
Lchaffen  auf  den  blosten  Menschen  stellt;  daraus  erwächst  ein
schroffer  Konflikt  zwischen  Mensch  und  geist,  eine  Menlchbeitsvergötterung,
  bei  welcher  der  Mensch  in  seiner  eigenen  Nkeinung
zeitweilig  vordringen  mag,  die  aber  in  Wahrheit  eine  innere
Zerstörung  bedeutet.
Die  Lntwicklung,  welche  die  Neuzeit  und  namentlich  die  neueste
Zeit  in  dieser  Nichtung  nahm,  sie  ist  nicht  ohne  Tragik.  Die
Menschheit  der  gegenwart  will  —  wenigstens  will  das  ein  großer
Ltrom  —  alle  inneren  Zusammenhänge  aufgeben  und  lediglich  der
eigenen  Kraft  vertrauen.  Durch  eine  engere  Berbindung  der  Llemente
  glaubt  sie  allen  Üufgaben  gewachsen  zu  sein,  sie  möchte
in  unablässigem  Lmporstreben  einen  Turm  bis  zum  Himmel  bauen.
Über  diese  Denkweise  must  mit  ihrer  Llblösung  des  Menschen  von
allen  inneren  Zusammenhängen  die  Bedingungen  echter  größe
zerstören,  sie  wird  zugleich  die  Menschheit  innerlich  spalten  und  in
eine  volle  Zerwerfung  treiben,  bis  schließlich  das  Machtgebok  eines
Diktators  alles  unter  sich  zwingt.  Lolche  gefahren  stehen  vor
Bugen;  es  gilt  eine  Lntfcheidung  zu  treffen,  ob  die  in  der  gegenwärtigen ­
  Menschheit  wirkenden  Kräfte  stark  genug  sind,  diese
Wendung  zu  verhüten,  den  unverkennbaren  Wahrheitsgehalt  der
            
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