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Die Herrschaft des Wortes“,
den Vordergrund gerückt wird. Weil das, was hier unter dem Worte
„Gut“ gedacht wird, als ein „Bestand“ denkbar ist, im Sinne der
Erstarrung des Geschehens, so kann das ganze erlebte Geschehen,
wenn es hauptsächlich über dieses Wort herüber übernommen wird,
nur mehr eine „Gütermechanik“ darstellen. Welche Gewaltakte unseres
Denkens hier unterlaufen, das hat ja seine Darlegung gefunden. Nun
ist auch die löbliche Mithilfe des Wortes angedeutet worden. Selbst
das Schlüsselwort gibt für alle die Verkennung nicht den Ausschlag;
aber es leistet ihr, mit seinesgleichen, den breitesten Vorschub. Das
Wort ist der Hehler für alle Diebereien an der Erkenntnis.
Man glaube nicht, daß den Ausdrücken „Volkswirtschaft“ und
„Gesellschaft“ an und für sich theoretische Umformungen entsprechen,
die vom Range des „Menschheitslebens“ sind; nur daß einmal die
Not, das andere Mal die Macht als vereinfachender Gesichtspunkt
hinzuträte. Die Dinge liegen anders. Im Vorbeigehen zunächst ein
Wort zur „Soziologie“: Die Wissenschaft, die es scheinbar mit der
„Gesellschaft“ zu tun hat. Eigentlich wird da als „Gesellschaft“ meist
das Zuständliche Gebilde deutlicherer Ausprägung gemeint; aber mehr
von der Macht her, als eine „Gesellung“ begriffen, oder vielmehr als
die Unbegreiflichkeit eines „Organismus“ erfaßt. Der Allzusammen
hang, der nach einer theoretischen Umformung drängen müßte, kommt
dort am wenigsten zu seinem Rechte, wo man dem Begreifen des
Begreifbarsten allerlei Mystik vorzieht. Aber denken wir dieser Wissen
schaft ruhig die theoretische Umformung „Gesellschaft“ zu, so wäre
ihr trotzdem nicht viel geholfen. Es ist wahr, sie ist eine durchaus
verständliche Reaktion gegen die Sachlage, daß der Gesichtspunkt der
Macht in den Händen der Jurisprudenz geblieben war. Aber
wozu diese vereinfachenden Gesichtspunkte, nachdem die Welt des
Handelns ihre schildernde Wissenschaft gefunden hat 1 Soweit also die
„Soziologie“ ihre Sonderheit beanspruchen will, muß gerade diese
„hypermoderne“ Wissenschaft als eine angesehen werden, die von
vornherein das Nachsehen hat, überholt war, ehe sie recht angefangen.
Aber es ist schwer, in grundsätzlicher Erwägung, in vollem Ernste
also von einer Wissenschaft zu sprechen, die ein wahrer Hexensabbath
für alle Spiel- und Abarten menschlicher Erkenntnis ist. Da quirlt
zerfallende und unzerfällende Erkenntnis, „positivistischer“ Firlefanz,
„synthetische Philosophie“ und weiß Gott was noch zusammen, und
ergibt einen Zwitter von Natur- und schildernder Wissenschaft, von
Mystik durchsetzt; einen richtigen Wechselbalg, der mit diesem Durch
einander von rechts und links, oben und unten ganz unbewußt das
Böse will, unter tüchtigsten Händen übrigens viel Gutes schafft I Es