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VI. Das älteste erhaltene deutsche Kaufmannsbüchlein
Die aufsteigende Entwicklung in Hermann Warendorps geschäftlicher
Tätigkeit drückt sich auch in seinem Grundbesitz aus. Was ihm und seinem
Bruder Bruno an väterlichem Erbgut überkommen war, war bescheiden
genug. Dabei waren die Reste des alten hochwertigen Besitzes der Familie —
eine Marktbude?*®) und eine Badstube?) — in den Besitz des älteren Bruders
Bruno gelangt, auch das väterliche Wohnhaus Mengstraße 1428). Hermann
erhielt nur das Grundstück Fleischhauerstraße 16, das er zunächst bewohnte?®).
1333 konnte er sein altes Wohnhaus verkaufen; denn in diesem Jahre hatte er
in der Mengstraße 12 mit seinem Schwager Wedekin Clingenberg einen Neubau
aufgeführt, zum mindesten das vorhandene Haus von Grund aus umgebaut.
Aus der Mitgift seiner ersten Frau, der Tochter des älteren Johann Clingen-
berg, stammte das eine Drittel des Grundstückes Mengstraße 12. Dies Haus
wurde jetzt sein Wohnhaus, bis er 1346 auch sein Alleineigentümer wurde,
indem er den Anteil seines Schwagers aufkaufte?®). Über den Neubau selbst
mit seinen Beischlägen und Glasfenstern*), vor allem aber mit seiner für
kaufmännische Zwecke ansehnlich ausgebauten Kelleranlage, die einen
bequemen Zugang von der Straße hatte®), unterrichten in überraschender
Anschaulichkeit eben die Aufzeichnungen auf dem ersten Umschlagblatt
unseres Büchleins. In demselben Jahre 1333 hat Warendorp noch weitere
Grundstücke erworben, so das frühere Wohnhaus des Magisters Albert de
Bardewik — Königstraße 11%3) — so das Haus Braunstraße 38%), so einen
Budenkomplex an der Mauer®), Von besonderer Wichtigkeit war ein anderer
Kauf des Jahres 1339. Damals erwarb er den südlichen Eckkomplex Becker-
grube—Untertrave, in der Ausdehnung der heutigen Grundstücke Becker-
grube 97 und 99, Untertrave 88 und 89%), Man muß wissen, wie gesucht und
geschätzt diese großen, als Lagerhäuser dienenden Travegrundstücke waren,
um den kaufmännischen Gewinn zu ermessen, den Warendorp aus diesem
Kaufe zog. Jetzt war er von der Lagerung seiner zu Schiff eingehenden
Massengüter in fremden Lagerhäusern unabhängig, was noch 1330, wie unser
Büchlein lehrt, weder er noch sein Schwager Johann Clingenberg waren?”).
Vermutlich hat hinter diesem Kaufe bereits das Geld gestanden, das ihm
seine zweite Ehefrau, Mechthild, eine Tochter des verstorbenen Hinrich
Michaelis, als Mitgift in die Ehe brachte. Denn im Anfang des Jahres 1340
beurkundet seine Schwiegermutter Elisabeth Michaelis, daß sie nach Aus-
zahlung der gesamten Mitgift und Aussteuer noch 900 m. 1. d. Kapital
zurückbehielt, von dem später einmal 600 m. 1. d. an ihren Schwiegersohn,
ihre Tochter und deren Erben fallen sollen. Außerdem hatte sie aber noch
für über 800 m. d. 1. ausstehende Forderungen. Was von diesen zu ihren
Lebzeiten einging, sollte zur Hälfte an die Genannten fallen; nach ihrem
Tode alles. Man sieht, Hermann Warendorp wird beim Eingehen der zweiten
Ehe einen stattlichen Vermögenszuwachs gehabt haben??), wie auch seine
erste Ehe ihm eine Frau aus nicht unvermögender Familie ins Haus gebracht
hatte. Hermann Warendorp tat dasselbe, wie die meisten seiner Berufs-