Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 28
„Frankreichische Gesenglein“ aufgenommen —, und vor allem
die Literatur. Die Literatur schon deshalb, weil sie wenigstens
zum Teil der Ausdruck des höfischen Lebensideals war. In
diesem Zusammenhange gelangte namentlich die längere fran—
zösische Erzählung mit eingestreuten lehrhaften Partien, der
Roman, in Deutschland zur Wirkung. Romane wurden be—
sonders seit den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts in
immer steigender Anzahl importiert. Die Amadisromane ge⸗
fielen dabei besonders2; enthielten sie doch in der Anwendung
auf die Romanfiguren das ganze Gesetzbuch französisch-höfischen
Anstandes; und 1597 konnte ein besonderes Werk erscheinen,
die „Schatzkammer schöner zierlicher Oratorien“ u. s. w., in
dem das gesellschaftlich Lehrhafte aus 24 solchen Amadis⸗
romanen in bequemem Auszug vorgetragen wurde. Was wollte
gegenüber der Wirkung solcher Bücher der Einfluß der ernsten
französischen Lyrik und der französierten Gesetze der italienischen
Renaissanceliteratur besagen? Erst spät, und dann zum Teil
unter niederländischer Vermittlung, find fie für Deutschland
wichtig geworden.
Und so darf man, was aus Frankreich im Verlaufe des
16. Jahrhunderts und auch noch vieler Jahrzehnte des
17. Jahrhunderts nach Deutschland gelangte, doch eigentlich
nur der Vorgeschichte der späteren allgewaltigen franzoͤsischen
Wirkungen zuzählen; längst hatte Frankreich Westeuropa, vor
allem England, ja auch Italien, wo man schon im 16. Jahr⸗
hundert gegen die französische Mode ankämpfte, aufs stärkste
beeinflußt, ehe es seine Herrschaft im deutschen Osten antrat.
Die Voraussetzungen für deren Entwicklung aber waren
doppelter Art: es bedurfte vorher des Verfalls der bürgerlichen
Führung der deutschen Kultur, die ihrem ganzen Wesen nach
dem Ideal des homme du monde fernstand, und damit des
Ubergangs dieser Führung auf die Fürsten, den Adel, die
Höfe; und es bedurfte eines höheren Aufschwunges des franzö—
S. Bd. VI, S. 283 ff.