Full text: Die Heimarbeit im Kriege

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große Fabrikantenorganisation der Webwarenindustrie für die 
Sache zn interessieren und mit ihr folgendes Uebereinkommen zu 
treffen. Die Weber wurden, zunächst in Lengefeld i. E. in Genos 
senschaften zusammengeschlossen, und zwar wurden zunächst etwa 
20 Weber versuchsweise mit mechanischen Stühlen ausgerüstet. 
Sie erhielten sodann von der Fabrikantenvereinigung Aufträge über 
wiesen. Diese lieferte auch das erforderliche Rohmaterial und 
zahlte für die Anfertigung der Waren feststehende Lohnsätze. Wenn 
die Handweber den Nachweis erbracht hatten, daß sie sich für den 
mechanischen Betrieb eigneten und sich in diese für sie neuartige Pro 
duktionsweise eingearbeitet hatten, sollten allmählich mehr Hand- 
weber zur Fabrikation herangezogen und mit mechanischen Stühlen 
ausgestattet werden. 
Die Webergenossenschaft in Lengefeld besteht noch heute; sie ar 
beitet vorzugsweise für den Staat. Die Verdienste der mit mecha 
nischen Stühlen ausgestatteten Weber waren besser als die der Hand- 
weber, auch konnten manche festgeschlagenen Waren für das Heer 
übernommen werden, die der Handwebstuhl nicht leistet; ein schwerer 
Nachteil gegenüber den Fabrikwebern ergab sich aber bei jedem Rück 
gang der Beschäftigung: das Risiko, die Verzinsung der teuren Ma 
schine auch in schlechten Zeiten, lastete auf dem Arbeiter und nicht 
dem Unternehmer, und so sah sich die Stadtverwaltung während 
der Textilkrise des letzten Jahres genötigt, sehr erhebliche Sunrmen 
an die Hausweber zur Zahlung ihrer Zinsen zu gewähren. 
Diese Abwälzung des Risikos auf den Arbeiter läßt den ganzen 
Versuch in einem sehr ztveifelhaften Lichte erscheinen. Sie bedeutet, 
selbst wenn man die mechanische Haus- und Fäbrikweberei als tech 
nisch gleichwertig ansieht, stets einen sehr schwer zu ertragenden 
Nachteil des Hauswebers gegenüber dem Fabrikarbeiter. Denn es 
darf nie übersehen werden, daß jede Produktionsstockung stets zuerst 
zu einer Stillegung der Heimarbeitsbetriebe führt; wird doch von 
Unternehmerseite gerade der Umstand, daß man den Umfang der 
Heimarbeit bequem nach Bedarf ausdehnen und einengen kann, als 
besonderer Vorzug dieser Betriebsform angesehen, sie häufig sogar 
lediglich zu diesem Zwecke beibehalten. Ich habe auf diesen Punkt
	        
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