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Drittes Buch. Der Liberalismus.
Ferner charakterisiert sie sich durch eine gewisse Härte gegen
über dem Elend des Volkes. — Wohl hat die Wissenschaft nichts
mit sentimentalen Gefühlen zu tun, — aber wir sprechen hier von
einer gewissen Tendenz, die schon bei Malthds stark hervortritt,
zu glauben, daß das Elend des Volkes seinen eigenen Fehlern zuzu
schreiben sei, seinen eigenen Lastern oder doch wenigstens seinem
Mangel an Voraussicht 1 ). Die liberale Schule war reif, den, der
kommen sollte, Darwin, mit Enthusiasmus aufzunehmen. Wies er
doch nach, daß die natürliche Zuchtwahl des Menschen durch die
Ausjätung der Schwachen die notwendige Bedingung des Fort
schrittes der Arten sei, und daß dieser Fortschritt um diesen Preis
nicht zu teuer bezahlt wird; und ist doch der Glaube an die Vor
züge der Konkurrenz schon die Verherrlichung des „struggle for life“,
des Kampfes um&. Dasein!
Und doch ist der liberalen Schule -weder der Nachweis gelungen,
daß alle natürlichen Gesetze gut seien, noch auch hat sie den Fort
schritt des Sozialismus und des Schutzsystems auf halten können, und
am Ende des 19. Jahrhunderts fand sie sich durch die von zwei
Seiten auf sie eindringenden Wogen fast überflutet. Trotzdem hat
sie in keinem Augenblick ihr Selbstvertrauen verloren; durch ihre
Prinzipientreue, durch die Beständigkeit ihrer Lehre, durch ihre hoch
mütig alle Volkstümlichkeit nichts achtende Haltung, hat sie sich eine
Art eigener Prägung gegeben und sie verdient etwas Besseres als
das oberflächliche Urteil, das ausländische Nationalökonomen über sie
gefällt haben, nämlich, daß sie jeder Originalität entbehre und nichts
als ein schwacher Abglanz der Lehre Smith’s sei.
In ihrer Geschichte gibt es besonders eine Periode, in der dieser
Liberalismus und Optimismus ihren Höhepunkt erreichten, und diese
Periode ist' es, die wir jetzt näher betrachten wollen; sie fiel zwischen
1830 und 185_0. ln dieser Zeit verwirklichte sich das, was man die
Verbindung der politischen Freiheit mit der wirtschaftlichen Freiheit
der Weltausstellung im Juli 1900 sagte einer der gemäßigten Anhänger der liberalen
Schule, Lbvassbur (Journal des Economistes, 15. Aug. 1900):
„Es ist unnötig, Unterscheidungen zwischen uns zu machen; in dieser Hinsicht
können die liberalen Volkswirtschaftler nicht verschiedener Meinung sein. Sie
können in mehreren Punkten betreff der Anwendung verschiedene Ansichten haben,
aber sie sind sich alle über das Prinzip der Freiheit einig. Je freier der Mensch
ist, um so erfolgreicher und machtvoller schafft er Güter. Je größer die Freiheit
ist, um so mehr Anregungen gibt es zur Arbeit und zur Anspannung der Intelligenz,
um so mehr Keichtümer werden produziert.“
*) So schreibt auch Ddnoyeb: „Es ist gut, daß es in der Gesellschaft eine
Unterwelt gibt. Die Familien die sich schlecht aufführen, laufen Gefahr, in ihr zu
versinken, und nur dadurch, daß sie sich gut aufführen, können sie sich wieder
emporarbeiten. Diese Unterwelt ist das Elend“ (La Liberte du travail,
S. 409).