4- Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 133
257) schreibt in seinem Werke „De habitu virginum“: „Solange
die Welt noch wüst und leer ist, mögen wir in fruchtbarer Zeugung
die Volkszahl fortpflanzen und zur Vermehrung des Menschengeschlechtes
heranwachsen; nun aber der Erdkreis bevölkert ist und
die Welt überfüllt ist, kastrieren sich die für das Himmelreich, die
die Enthaltsamkeit fassen können“ 1).
Zum Verständnis solcher Anschauungen wird man daran denken
müssen, daß die beiden Kirchenväter in der Zeit des ausgehenden
Römerreiches gelebt und gewirkt haben, jener Zeit, in der, wie wir
gesehen haben, die Voraussetzungen seiner wirtschaftlichen Macht
und Stärke in Fortfall gekommen waren und sich bereits deutliche
Anzeichen des wirtschaftlichen Verfalls bemerkbar machten.
Ratherius von Verona (etwa 890 bis 974) bringt die Armut
in Verbindung mit dem großen Kinderreichtum und fordert,
daß der Dürftige sich lieber der Ehe enthalten solle, um nicht durch
allzu großen Kinderreichtum genötigt zu sein, fremde Liebestätigkeit
in Anspruch zu nehmen. Er meint, daß jeder Arbeitswillige
Gelegenheit habe, sich das Nötige zum Leben durch Arbeit zu beschaffen
und er kennt nur zwei berechtigte Ursachen zum Bettel:
Krankheit und großen Kinderreichtum ?. Weiteren Äußerungen
über die Fragen der Bevölkerung begegnen wir erst wieder auf
der Höhe des Mittelalters. Es ist Thomas von Aquin (1225 bis
1274), der unter dem Einfluß von Aristoteles, zu dessen Politik
er auch einen Kommentar geschrieben hat, in einem grundsätzlich
ähnlichen Sinne wie dieser zu den Zusammenhängen von Wirtschaft
und Bevölkerung Stellung genommen hat%. Auch Thomas stellt
den Gedanken der wirtschaftlichen Autarkie in den Vordergrund
und hebt hervor; daß die Nahrung der menschlichen
Existenz vorangehen müsse. Otto von Bamberg hat in seiner
„Vita Ottonis“ zum Klosterleben gemahnt, weil die Menschen sich
ins Zahllose vermehrt hätten‘). Auch Franciscus Patricius.
der seit 1460 Bischof von Siena war, kennt diese Zusammenhänge.
In seiner Schrift „De institutione rei publicae“ betont er mit Nachdruck
die Gefahr einer Übervölkerung, wenn er schreibt: „incolarum
multitudo periculosa est in populis“. -Er hat auch die verschiedene
1) Nach Sommerlad, a. a. 0. 5. 55.
?) A. Adam, Arbeit u. Besitz nach Ratherius v. Verona, 1927, S. 225, 233, 255.
3) Vgl. zu folgendem B, Kaiser-Delisle, Beitrag zur Vor-Malthusischen Bevölkerungslehre
in Italien, Diss,, Gießen 1924.
*) Zit. nach E. Schulze, Die Kolonisierung u. Germanisierung d. Gebiete
zwischen Saale u. Elbe, 1806. S. 126 Anm.