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Die Ideenlehre — Malebranche
die philosophischen Streitschriften zwischen Malebranche und
Arnauld herüberzublicken. Die Vorzüge wie die Mängel der
Ideenlehre treten nirgends so deutlich hervor, wie in dieser Dis-
kussion, in der Malebranche sich gezwungen sieht, überall auf
die Grundmotive zurückzugehen und seine Gedanken auf ihre
wesentliche Einheit zusammenzuziehen. Der Einwand, den Arnauld
‚on Anfang an erhebt, trifft das System in der Tat an einer ver-
wundbaren Stelle. Jede Vorstellung — so führt er aus —
anthält, wenngleich sie an sich ein einheitliches Ganze ist,
dennoch eine doppelte Beziehung in sich: auf die Seele, die
lurch sie modifiziert wird, und auf den Gegenstand, den wir als
den objektiven Inhalt der Vorstellung denken. Wenn Male-
branches Scheidung zwischen Perzeption und Idee, zwischen dem
erkennenden Ich und dem, was von ihm erkannt wird, keine
andere Bedeutung haben will, als diese zweifache Relation und
ihre gedankliche Notwendigkeit zum Ausdruck zu bringen, so
besteht sie völlig zu Recht. In diesem Falle aber muss daran
festgehalten werden, dass es sich hier nicht um zwei gesonderle
Wesenheiten, sondern um ein und dieselbe Bestimmung des
Bewusstseins handelt, die nur von zwei verschiedenen Seiten
beurteilt wird. Beide Betrachtungen sind gleich ursprüng-
.ich und notwendig; wir beziehen den Eindruck ebenso un-
mittelbar auf einen äusseren Gegenstand, wie wir ihn als eine
Zuständlichkeit unseres „Ich‘ denken.%) Es ist vergeblich, nach
dem „Grunde“ dieser Eigenart unseres Bewusstseins forschen zu
wollen; denn jede Erklärung, jede Theorie würde dieses Ur-
phänomen immer bereits enthalten, vermöchte also nur schein-
bar hinter dasselbe zurückzugehen.*®) Müssig ist es vor allem, zu
(ragen, wie das ausser uns, an einem bestimmten Orte des
Raumes befindliche Ding es anfängt, in unser Ich überzugehen,
wie es mit ihm zusammenfliesst und ihm innerlich „gegen-
wärtig“ wird. In Problemen dieser Art werden Gesichtspunkte,
die nur innerhalb der räumlich-zeitlichen Erfahrung ihren Sinn
und ihre Geltung haben, auf die Ableitung des Bewusstseins und
der Erfahrung überhaupt angewendet, wird ein Verhältnis, das
aur zwischen den fertigen Dingen statt hat, einer Lehre zu Grunde
gelegt, die das Zustandekommen gegenständlicher Erkenntnis er-
klären soll. Eben diese Verwechslung einer ursprünglichen ge-