Full text : Die sociale Lage der Handlungsgehülfen und ihre Verbesserung durch die kaufmännischen Vereine

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_  Das  Hinstreben  znin  einjährigen  Militärdienst,  welches  vielfach  für
die  Überfullung  im  Kaufmannsstande  allein  verantwortlich  gemacht  wird,
dürfte  in  der  meist  angenommenen  Ausdehnung  dieselbe  kaum  verschuldet
haben,  da  die  jungen  Kaufleute  mit  der  Berechtigung  zum  einjährigen
Dienst  in  der  Lage  sind,  sich  eine  mehr  oder  weniger  qualifizierte  kaufmännische ­
  Ausbildung  zu  verschaffen.
„Die  Mißachtung  des  Kaufmannstandes,"  schreiben  daher  mit  Recht
die  „Kaufmännischen  Blätter"  1883,  „ist  zum  großen  Teil  begründet  in  der
gewissenlosen  Heranziehung  von  Lehrlingen  aus  den  unteren  Bevölkernngsschichten
  durch  Detaillisten.  Biele  Prinzipale  befolgen  das  Prinzip  der
Massenausbildung  von  Kausmannslehrlingen  und  statt  eines  Gehülfen,  Laufburschen, ­
  Kopisten,  Markthelfer  rc.,  den  sie  honorieren  müssen,  stellen  sie
eine  Anzahl  von  Lehrlingen  an,  die  eine  Zeit  lang  umsonst  arbeiten  müssen,
nub  die  sie  lausen  lassen,  ohne  für  deren  spätere  Lebensschicksale  irgendwelche ­
  Verantwortung  zu  übernehmen."
Zwar  läßt  sich  diese  Heranziehung  von  Lehrlingen  urtb  die  Ausnutzung ­
  derselben  nicht  durch  große  Ziffern  belegen;  wie  weit  aber  das
Übel  im  einzelnen  ausgebreitet  ist,  zeigt  eine  von  den  Handlungscommis
in  Breslau  im  Jahre  1881  angestellte  Erhebung,  nach  welcher  sich  in
296  Spezereigeschäften  Breslaus  247  Commis  und  468  Lehrlinge  befanden.
Verstärkt  wird  zum  Teil  noch  die  Heranziehung  von  Lehrlingen  durch  die
Besoldung  derselben;  mit  der  Besoldung  wird  die  Ausnutzung  der  Lehrlinge ­
  verschleiert,  während  es  der  Detaillist  bequemer  findet,  auf  diese
Weise  sich  von  der  moralischen  Pflicht  der  Weiterbildung  der  Lehrlinge
loszukaufen.  Andererseits  birgt  aber  auch  die  Ausbildung  von  Lehrlingen
im  Großbetriebe  wegen  der  in  demselben  herrschenden  Arbeitsteilung  eine
nicht  zu  unterschätzende  Gefahr  für  den  Bildnngsstand  der  Handlungsgehülfen.
Welche  Schatten  werfen  nun  diese  Massenhernnziehungen  von  Lehrlingen
aus  den  kaufmännischen  Beruf,  und  welche  Mittel  sind  geeignet,  das  Lehrlingswesen ­
  in  gesunde  Bahnen  zu  lenken?  Dem  Lehrling  im  Detailgeschäft
ist  eine  theoretische  und  kaufmännische  Ausbildung,  welche  ihn  zur  Bekleidung ­
  kaufmännischer  Stellen  in  großen  Geschäften  befähigten,  außerordentlich ­
  erschwert,  und  dennoch  ist  er  gerade  darauf  angewiesen,  aus  dem
Detailgeschäft  in  andere  Stellungen  überzugehen.  Der  fortwährende  Nachschub ­
  von  Lehrlingen  im  Kleinhandel  schneidet  dem  ausgelernten  Lehrling
die  Möglichkeit  ab,  in  diesem  Geschäfte  als  Commis  einen  auskömmlichen
Lebensunterhalt  zu  gewinnen,  er  ist  gezwungen  in  andere  Geschäfte  überzutreten ­
  und  hierin  liegt  gerade  der  ungeheure  Schaden,  welchen  diese
Heranziehung  von  Lehrlingen  im  Kleinhandel  auf  den  gesamten  Gehülsenstand
  ausübt,  hieraus  entstehen  die  Klagen  über  mangelhafte  wirtschaftliche
und  gesellschaftliche  Bildung,  welche  im  Stande  der  Handlungsgehülfen  so
überaus  berechtigt  erscheinen.  Der  ans  einer  Handelsschule  vorgebildete
Gehülfe  wird  gerade  durch  den  Mitbewerb  dieser  Elemente  geschädigt.
Aber  nicht  nur  der  Stand  der  Handlnngsgehülfen,  sondern  auch  derjenige ­
  der  Detaillisten  selbst  verliert  durch  diese  Lehrlingszüchterei.  Mit
Recht  bemerkte  der  Abgeordnete  Goldschmidt  in  der  Reichstagsdebatte  über
den  Hausierhandel  am  14.  Mai  1884:  „Wollen  Sie  dem  Kaufmann  in
            
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