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meisten Bürger noch ihr Vieh hielten, das sie auf die Gemeindeweide
trieben. In den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es
in den preußischen Städten noch einige 60000 Scheunen. Es ist die
Zeit der kleinen Ackerstädtchen, die uns Goethe in „Hermann und
Dorothea“ anschaulich hingestellt hat:
.... „Und heil dem Bürger des kleinen
„Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart!
„Auf ihm liegt nicht der Druck, so ängstlich den Landmann beschränket;
„Ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrenden Städter,
„Die dem Reicheren stets und dem Höhern, weniqg vermögend,
„Nachzustreben gewohnt sind.“
Wir wollen nun noch das Einzelbild eines solchen behaglichen
Städtchens, seines Marktes und seiner Bewohner, wie es Goethe unserer
Phantasie lebendig gemacht hat, durch eine allgemeinere Darstellung er—
gäͤnzen. Wir wählen dafür wieder meist Freytags bedeutende kultur—
historische Schilderungen und versetzen uns mit ihm in die zweite Hälfte
des ablaufenden 18. Jahrhunderts.
Eine mäßig große Stadt. Noch immer stehen die alten Ziegel⸗
mauern und die Türme, nicht nur über den Toren, auch hier und da
über den Mauern. Aber schon wird darüber verhandelt, die Eingänge,
die für Menschen und Lastwagen zu enge sind, von dem alten Ziegeljoch
zu befreien und mit leichtem Gitterwerk zu schließen, an anderen Stellen
der Mauer neue Pforten zu öffnen. Der Stadtgraben auf der Außen⸗
seite liegt trocken, wird mit breitgegipfelten Bäumen bepflanzt und im
dichten Schatten der Linden und Kastanien halten jetzt die Städter ihren
Spaziergang. Auch die kleinen Gärten an der Stadtmauer sind ver—
schönert. Vielfach strecken schon die Vorstädte ihre Häuserreihen über die
alten Mauern weit in die Ebene hinaus. Die Torakzise ist eingeführt
und ein abgedankter Unteroffizier treibt sich, den Rohrstock in der Hand,
in der Nähe des Tores umher, um die Karren und Körbe der Land—
leute zu untersuchen.
Im Innern der Stadt stehen die schmucklosen Häuser nicht so
zahlreich als in früheren Jahrhunderten; die bisherigen wüsten Stellen
dazwischen haben sich in Gärten verwandelt. Bald vermehrt sich die
Zahl der Häuser; mit breiter Front Giebel an Giebel gelehnt, stehen sie
da, große Fenster, helle Treppen, weite Räume umschließend. Noch sind
die Zieraten ihrer Front von Gips und Kalk nüchtern angeklebt; helle
Kalkfarben in allen Schattierungen sind fast das einzige Charakteristische
und geben den Straßen ein buntes Aussehen.
Die Zeit des Rokoko ist im Schwinden:
... denn alles soll anders sein und geschmackvoll,
Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke,
Alles ist einfach und glatt; nicht Schnitzwerk oder Vergoldung
Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meiften.