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Verhältnisses der Waren zum umlaufenden Geld sich ergibt, unterscheiden
manche Kredit- und Geldinflation, Beide Fälle gehören zum Bereich unserer
jüngsten Erfahrungen. So gab es in Deutschland 1914 eine Geldinflation,
die sich aber im Verlaufe der nächsten Jahre immer mehr zur Kreditinflation
auswuchs, Bei der sog. Geldinflation ist zur Zeit der Geldschöpfung
noch kein starkes Übergewicht gegenüber der Warenmasse vorhanden; es
kommt das erst durch eine erhebliche Abnahme der dem unveränderten
Geldvorrat gegenüberstehenden Gütermenge zustande. So erklärt sich bei
uns die erste inflatorische Geldschöpfung als die Erscheinungsform der „durch
die Erteilung der Kriegskredite begründeten zusätzlichen Kaufkraft des
Staates‘‘ (He yn, Wiederherstellung, S. 403). Sie ergab zunächst ungeheuer
vermehrte Umsätze auf dem Markt der Kriegsindustrie. Das hieraus folgende
starke Anwachsen der Produzenteneinkommen führte zu einer Vermehrung
der Nachfrage nach Genußgütern. Auf der anderen Seite kamen aber die
Waren, an denen die Verkäufer so stark verdienten, ihrerseits nicht dazu,
der Befriedigung der Volksbedürfnisse zu dienen, sondern wurden in der
Kriegführung ‚„verpulvert‘‘, Die Endwirkung: „Die Summe der Ansprüche
an das Nationalvermögen ist gewachsen, während dieses Vermögen selbst
sich nicht vermehrt hat; die neuen Ansprüche rühren her aus Lieferungen,
Leistungen und Diensten; rechnet man sie, wie jeder Einzelne es tut, gesondert
aus und fügt sie dem Gesamtbestande des Vermögens hinzu, so hat sich dieses
scheinbar stark erhöht, während in Wirklichkeit nur 100% vorhanden sind,
30 daß also die Ausgabe auf Kosten der Werteinheit erfolgt ist‘‘ (Rathe-
nau, S.9; ähnlich Cassel, Sozialökonomie, 5. 565/566). Der andere Fall,
die ‚Kreditinilation“, zeigt sich heute ganz besonders bei der „un-
produktiven Erwerbslosenfürsorge‘ ; hier haben wir ein Zerrbild von Sch u m-
peters „Synchronisierung‘“, die „im normalen Gang des Wirtschafts-
prozesses ermöglicht, daß die Volkswirtschaft gleichsam das Resultat ihrer
Produktion erhält, ehe es produziert worden ist. Deshalb kann es auch
schon vorher verteilt werden; jeder lebt von seinem produktiven Beitrag,
aber er erhält ihn gleichsam anticipando'‘‘ (Sozialprodukt. S. 6233).
Die — reale oder formale — Kaufkraft, die der Kreditnehmer
überwiesen erhält, ist vielfach derart verkörpert, daß ihre Geltend-
machung räumlich (Wechsel, zahlbar an einem bestimmten Orte,
Stadt-Notgeld), zeitlich (Kriegsanleihezinsscheine) oder durch das
Erfordernis besonderer Förmlichkeiten der Übertragung (Indossa-
ment, Verrechnungsscheck) beschränkt ist. In diesem Falle haben
wir es nicht mit vollgültigem Geld. sondern mit Geldsurrogaten
zu tun.
Entscheidend für die wirtschaftliche Grenzzichung zwischen
Geld und Geldsurrogat ist lediglich die Anerkennung im wirtschaftlichen
Verkehr, nicht etwa nur die rechtlichen Bestimmungen. Schon Marx hat
das gegenüber dem Proudhonschen ‚„Authentizismus‘“ scharf hervor-
gehoben: ‚Gold und Silber sind nur deswegen von Rechts wegen jederzeit
ımtauschbar. weil sie es tatsächlich sind: und sie sind es tatsächlich. weil die