Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

den Markt; wenn er zurückkehrt, ist er so einsam 
nicht mehr, die Sorgen der anderen leisten ihm Ge- 
sellschaft: und das ist wohl der neue Zug, nicht nur, 
aber auch, in Oesterreich. In höherem Maße als in 
halbvergangener Zeit ist die österreichische Dichtung, 
zumal die dramatische, heute Gewissensdichtung. 
Am deutlichsten‘ wird dies an einer Erscheinung 
wie Hofmannsthal, in dessen Kunst ja überhaupt 
alles sichtbar. wird, was das österreichische Theater 
von seinen allerersten Anfängen her bis in die Gegen- 
wart bewegt. Hofmannsthals literarischer Stammbaum 
reicht bis ins siebzehnte Jahrhundert bodenständiger 
t‘heatralischer Ueberlieferung und schließt das volks- 
tümliche wie das höfische Element in sich. Um so be- 
merkenswerter und bezeichnender für das "Theater 
dieser letzten zehn Jahre, daß auch er, ja er vor 
allen, sich den Zeitideen nicht verschließt. Im 
„Großen Welttheater”, 1923 in Salzburg erstmalig 
aufgeführt, ist es die Figur des Bettlers, die, aus dem 
ideengehalt des Bolschewismus geformt, auf brennend 
Gegenwärtiges dichterisch Bezug nimmt im „Turm”, 
der in Wien noch auf eine stilgerechte Aufführung 
wartet, die Idee des Königtums, die dramatisch, in 
der Formensprache des großen Barocktheaters ge- 
kleidet ist. Hier wie dort handelt es sich um Ideen, 
die, als Ideen ewig, augenblicklich in Zeitnähe gerückt 
sind; auch Ideen haben ja wie die Sterne ihre Kon- 
stellationen, ihre Durchgangszeiten. Wie Hofmannsthal, 
blickt auch Max Mell zu ihnen auf, nur daß es bei 
ihm nicht mehr der Himmel der Philosophie ist, der 
jede hohe Dichtung, von der griechischen angefangen, 
überwölbt, vielmehr ein religiöser Himmel, wie der- 
jenige, unter dem die christliche Dichtung des sieb- 
zehnten Jahrhunderts stand. Das vom Burgtheater zu 
einem großen Erfolg gebrachte „Nachfolge-Christi- 
Spiel” Mells schlägt ebenso wie das „Perchtenspiel” 
seines Nachfahren Billinger diesen Weg ein — den 
Weg des Glaubens, der dem österreichischen Volks- 
stück neue Ziele erschließt. In beiden Fällen ist es 
eine Zeitströmung, die religiöse, die, bewegte Atmo- 
sphäre auch hier, das Gedicht durchflutet wie der 
Wind der Bälge die Kunstreich gebaute Orgel. 
Ganz ähnlich verhält es sich mit Schönherrs „Judas 
von Tirol”, wo der Atem des Nationalen die gleiche 
Funktion übernimmt, und bei Werfels „Juarez und 
Maximilian”, diesem Werk aus der österreichischen 
Geschichte, das ein so starkes politisches Pathos 
durchschüttert. Das Ideale, das Religiöse, das Natio- 
nale und das Politische sind die vier Elemente des 
höheren Theaters dieser letzten zehn Jahre; und es 
ist kein Zufall,. daß Werfel, der das letztgenannte ver- 
körpert, der jüngste unter den hier genannten vier 
Wortführern des österreichischen Dramas ist. Die 
politische Einstellung der heutigen Jugend, die Werfel 
dichterisch an erster Stelle vertritt, ist, ob sie sich 
nun mit der ihr eigenen Entschiedenheit nach links 
oder nach rechts wendet, in jedem Falle eine Folge 
les Umsturzes. Man wird diesen Zug nicht übersehen 
lürfen; er auch unterscheidet das jüngere Geschlecht 
‚on dem in der Vorkriegszeit erwachsenen. 
Ist das Drama der österreichischen Gegenwart, wie 
ıier angedeutet wurde, in seinen edelsten Teilen 
Gewissensdichtung, so ist dies doch keineswegs so 
;ehr der Fall, daß es den einzigen Unterschied 
zwischen dem Theater von heute und von gestern 
»ildete. Dieser Unterschiedist auch sonst unverkennbar 
- aber, wird man fragen, worin bestehter? Denken wir 
ıns einen Fakir, der zwanzig Jahre geschlafen hätte 
ınd der eines Tages wieder erwacht. Denken wir 
ıns ferner, daß dieser Fakir etwas vom Theater ver- 
tünde — warum sollte es auch nicht solche Fakire 
zeben? — was würde ihm vergleichsweise auffallen 
ınd woran würde er schließlich merken, daß er in 
:inem anderen Zeitalter lebt? Vor allem wahrschein- 
ich an seinen Nachbarn im Theater. Das Publikum 
nat sich gründlich geändert, ohne deshalb durchaus 
schlechter geworden zu sein, und diese Aenderung ist 
nicht ohne Einfluß auf das Gesicht des Theaters 
zeblieben, das der Zuschauerraum spiegelt. Diese 
\enderung hat, von vielem anderen abgesehen, vor 
allem zwei Ursachen. Die eine ist, daß die vormals 
»evorzugte Gesellschaft vielfach die vordersten Plätze 
ınd obersten Ränge geräumt hat, was insoferne einen 
Verlust für das Theater bedeutet, als diese Gesell- 
schaft im ganzen doch ein geschmackbildendes, ein 
3ildungselement darstellte. Die andere Ursache für 
lie auch im äußeren Bilde wahrnehmbare Umschich- 
‚ung ist der abnehmende Wohlstand und die damit 
zusammenhängende Zunahme der Organisation des 
Theaterpublikums, die ja, ob sie nun „Kunststelle” 
oder „Theater-Gemeinde” heißt, im Wesen auf eine 
Verwohlfeilung durch den Großverkauf der Plätze 
hinausläuft. Indem sie dieses Ziel erreicht, demokrati- 
siert sie zugleich den Zuschauerraum, und auch diese 
Wandlung ist unverkennbar; seiner veränderten Zu- 
;ammensetzung entsprechend, urteilt dieses heute mehr 
den Eindruck einer Volksversammlung als einer ge- 
;chlossenen Gesellschaft machende Auditorium natur- 
zemäß anders, weniger „gebildet”, aber vielleicht in 
gleichem Maße elementarer, zeitgemäßer. Uebrigens ist 
der Zuschauerraum nur die eine Hälfte des Theaters, 
ınd so wichtig sie sein mag, die andere ist wichtiger. 
Treilich besteht auch hier wieder eine Wechselbeziehung- 
Jem triebhaft hingerissenen Publikum entspricht jenseits 
lerRampeeinehitzigere, leidenschafterfülltere Dramatik- 
War das Theater des ausgehenden franzisko-josefini- 
schen Zeitalters vorzugsweise statisch — sogar. wO 
as, wie etwa in den gesellschaftskritischen Stücken 
Artur Schnitzlers, aus seiner Unzufriedenheit kein 
Hehl machte, verbrämte es sie mit Ironie — so ist das 
Theater der Republik naturgemäß dynamisch. Es ist 
nicht revolutionär, aber es hat die Revolution erlebt 
und dementsprechend auch seine Ausdrucksmittel ver“ 
stärkt, vervielfacht: an Stelle einer Kammermusik tritt
	        
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