Contents: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2. Allgemeiner Charakter des amerikanischen Lebens. 593 
Verkehr der großen und kleinen Dampfer und Segler wie der kolossalen Dampffähren, 
die sich liier aneinander vorbeidrängen. Und nun erst die Stadt selbst, die, auf der 
kleinen, schmalen Landzunge von Manhattan Island vor wenigen hundert Jahre« 
gegründet, schnell ins Riesenhafte nach allen Richtungen gewachsen, jetzt nahezu die 
größte Hafenstadt der Welt geworden ist. 
Viele Meilen weit dehnt sich das Häusermeer von New Jork, Brooklyn und 
Jersey City an dem Ufer der Stromes aus. In den Himmel ragen die Gebäude der 
City hinein, und soviel auch über diese „Himmelskratzer" geschrieben und gespottet 
worden ist, sie sind doch ein bedeutendes Wahrzeichen dessen, 
was ein machtvoll auf st redendes Volk zu leisten vermag. 
Ich habe vor acht Jahren die ersten dieser Riesenbauten gesehen, — einen be 
scheidenen Anfang — heute, nach kurzer Frist sind aus den wenigen über ihre 
niedrigen Nachbarn um 10 und 20 Stockwerke hinausragenden Steinmaffen schon 
mehrere Dutzende geworden. 50—60 solcher Gebäude zählt schon der Broadway in 
dem mit Stolz als Greater New York bezeichneten Teil der City, wo der Platz so 
teuer ist, daß man nicht in die Weite, sondern nur in die Höhe bauen kann. Bis zu 
32Stockwerken hoch ragen diese Gebäude in die Luft hinein, die schlanken Türme 
der neben ihnen stehenden gotischen Kirchen überragend, und sie sind doch, trotz aller 
gegenteiligen Behauptungen, nach meinem Geschmack nicht einmal unschön zu nennen. 
Die amerikanischen Ingenieure und Architekten haben es verstanden, aus diesen 
Kolossen architektonische Bauwerke zu schaffen, die sich immerhin sehen lassen können. 
Aus Stahl und Eisen gebaut, mit Quadern und Säulen umkleidet, in Türme 
und Kuppeln auslaufend, find die meisten architektonisch schön gegliederte Bauwerke. 
Man rühmt von den größten, daß nicht weniger als 8 Millionen Pfund Stahl ge 
braucht worden sind, um das unzerstörbare Fundament und das Knochengerüst eines 
einzigen solchen Riesengebäudes abzugeben, das Hunderten von Kontoren und Offices 
Raum bietet und die großen maschinellen Einrichtungen in seinen unterirdischen Ge 
schossen birgt, um Licht und Wärme den Insassen zu spenden und die Lifts mit un 
heimlicher Schnelligkeit und Sicherheit zu jenen gewaltigen Höhen emporzutreiben. 
Feuerfest sollen sie sein, und sie sind auch wohl für die Dauer gebaut und dauernd 
imstande, einem Geschäftsverkehr zu dienen, von dessen Großartigkeit man sich schwer 
eine Vorstellung machen kann. 
Alle Seitenstraßen der City zeigen dasselbe, fast beängstigende Bild eines un 
glaublichen Durcheinander von wogenden Menschenmassen, Last- und Personenwagen, 
wie es selbst die größten Hafen- und Handelsstädte Europas nicht kennen. 
Aber nicht nur in dem eigentlichen Brennpunkte des Großhandels, sondern 
neuerdings auch in der Fifth Avenue mit ihren vornehmen, stolzen Palästen, ihren 
prächtigen Kathedralen und Klubhäusern sieht man diese Riesengebäude zu unheim 
licher Höhe emporwachsen. 
Das größte Hotel der Welt, wie es sich stolz nennt, jenes bekannte, nach dem 
württembergischen Dörflein Walldorf, dem Geburtsorte des zum Multimillionär ge 
wordenen, alten deutschen Kolonisten Astor, von seinen Erben so benannte „Walldorf 
hotel" mit über 1400 Kellnern und Bediensteten, reckt hier seine Erker und Türmchen 
zu schwindelnder Höhe empor. 
Die mit fabelhaftem Luxus ausgestatteten großen Klubhäuser, die eleganten 
Logierhäuser, die ihre Etagen, voll möbliert, mit voller Verpflegung, an vornehme 
Familien auf Monats- und Jahreskontrakte vermieten, wachsen in derselben Weise in 
die Luft hinein. 
Überall werden die wenig Jahrzehnte alten und doch noch brauchbaren Häuser 
mit ihren vier und fünf Stockwerken abgerissen, um solchen Riesenpalästen Platz zu 
schaffen, die Tausende und Abertausende von fleißigen Menschen während der Tages- 
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. gg
	        
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