Full text : 10 Jahre Wiederaufbau

ÖSTERREICHISCHE WÄHRUNGSPOLITIK 1918 BIS 1928
Von Ministerialrat Dr. Hans Rizzi.

Die Währungspolitik der durch den Zerfall der österreichisch-ungarischen
 Monarchie entstandenen österreichischen
 Republik war zunächst durch denStand des
Geldwesens, den diese vom alten Staat übernommen
hatte und durch die Bestimmungen, die der Staatsvertrag
 von St. Germain über das Zentralnoteninstitut
der alten Monarchie getroffen hatte, gegeben. Der
Krieg ist in Österreichh-Ungarn bekanntlich so wie bei
der Mehrzahl der kriegführenden Staaten überwiegend
durch die Notenpresse finanziert worden mit dem Ergebnis,
 daß der Notenumlauf von rund 2'4 Milliarden
Kronen bei Kriegsausbruch auf über 30 Milliarden
m Oktober 1918 gestiegen war. Die Wirkung dieser
Art der Kriegsfinanzierung auf die Wechselkurse und
auf den Binnenwert der Währung wolle aus der
nachfolgenden Tabelle entnommen werden.

Notenumlauf

Wert der |
Soldkrone
nach den
Wechselkur-| Lebens- |
sen in |kostenindex
Papierkronen
 aus- |
yedrückt

Jahr |

Monat

absolut
4illionen
6 AN

Index *)

1914

(915

405
970
3,249
7.011
3.352
0,782
‚2.883
‚8,099
24.566
30.155 |
34.888
\ Der Ne tenumlauf Juli "O14 gleich eins gesetzt

1.99
3.50
2.80
3.34
131
5.15
7.20
9.83
12.06
12098

1.16
1.30
1.50
1.56
1.89
2.23
2.25
2,42
2.51
2251

158

1916

226

1917

6.71
11.62

(918

Die Tabelle ist in mehrfacher Richtung interessant.
Sie zeigt einerseits, daß der Binnenwert der Währung
ich während des Krieges trotz weitgehender behördicher
 Preisregelung der wichtigsten Verbrauchsgüter,
nahezu gleichmäßig mit dem Ansteigen des Notenimlaufes
 verringert hat, daß aber in derselben Zeit
der in den Wechselkursen auf neutrale Plätze zum
Ausdruck gelangende Außenwert nur einen Bruchteil
dessen eingebüßt hat, was der Binnenwert verloren
hat. Die Erklärung liegt darin, daß bei der fast gänzlichen
 Unterbindung des zwischenstaatlichen Waren-Ind
 Geldaustausches die bei normaler Wirtschaftslage
invermeidliche Ausgleichung der Kaufkraftparitäten
Zwischen Binnen- und Außenmarkt nicht platzgreifen
konnte. Maßgebend für die Geldbewertung muß
ünter diesen Umständen natürlich der Binnenwert
 des Geldes sein. Der Metallschatz der Öster-"eichisch-ungarischen
 Bank (Gold, Golddevisen und
Silbergeld österreichischer Prägung) sank von dem
Stande von IA Milliarden bei Kriegsausbruch auf

342 Millionen Kronen am 31. Oktober I918. In der-;elben
 Zeit stieg die Verschuldung der beiden Staats-‚erwaltungen
 gegenüber der Notenbank von 60 Milionen
 auf rund 27 Milliarden Kronen. Von dem
Votenumlauf von rund 31!/, Milliarden zu jener Zeit
ıntfielen somit rund 86%, auf die unmittelbare Beınspruchung
 des Noteninstituts durch die beiden
staaten. Unter diesen Umständen wäre die Wiederjerstellung
 des Vorkriegswertes der Öösterreichischıngarischen
 Währung auch dann nicht möglich gewesen,
venn für die weitere Gestaltung des Geldwesens
‚usschließlich wirtschaftliche und geldtechnische Fak-;ooren
 maßgebend gewesen wären. Tatsächlich waren
edoch durch den Zusammenbruch der alten Monarchie
lie Geschicke ihrer Wirtschaft und ihrer Geldver-“assung
 in ein zunächst undurchdringliches Dunkel
gehüllt. Der industrielle und der landwirtschaftliche
Produktionsapparat waren durch die vier Kriegsjahre
vollständig erschöpft und desorganisiert, die Absatzmärkte
 durch den Zerfall des einheitlichen Wirtschaftsgebietes
 und durch die wirtschaftliche Blokade zerstört;
die Vorräte an Rohstoffen und Konsumgütern, ohne
die keine Produktion möglich ist, waren gänzlich erschöpft.
 Die Auslandsguthabungen der Wirtschaft
aus der Vorkriegszeit waren in den feindlichen
Staaten unter Zwangsverwaltung gestellt worden, auf
ausländischen Kredit konnte ein Staatswesen und eine
Wirtschaft, deren Schicksale in dem Maße ungewiß
waren, nicht rechnen. Die zehn Monate vom Abschluß
des Waffenstillstandes bis zur Unterzeichnung des
Staatsvertrages von St. Germain bedeuteten somit für
las besiegte Österreich wirtschafllich eine Fortsetzung der
<riegsnöte, verschärft durch die Abschnürung des neuen
;taates gegenüber seinen bisherigen Rohstoffquellen
n den Sudeten- und Karpathenländern und durch
lie soziale Unruhe, die der staatliche Zusammenbruch
ınd die wirtschaftliche Not erzeugt hatten. Unter
liesen Umständen war zunächst an einen Abbau der
<riegswirtschaft auch auf dem Gebiete des Geldwesens
ıcht zu denken. Die im Jahre 1910 eingeleitete und
‚either verschärfte öffentlich-rechtliche Regelung des
/erkehrs mit ausländischen Zahlungsmitteln und des
Zeldverkehrs mit dem Ausland wurden aufrecht er-‚alten.
 Für den Rückschauenden ist es klar, daß
lurch diese Maßnahmen die Geldentwertung keineswegs
‚ufgehalten werden konnte; sie waren aber zur Zeit
les Notstands dennoch unvermeidlich, umes der öffentichen
 Hand, die vorerst allein hiezu in der Lage war,
a ermöglichen, die dringendsten Lebensbedürfnisse
ler Bevölkerung nach Getreide, Fett und Kohle notlürftig
 zu befriedigen. Daneben mußte Österreich,
ım den vollständigen physischen Zusammenbruch des
7olkes hintanzuhalten. ständig mit der Bitteum Kredite

+0
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.