Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

einem mächtigen Zweig des Wirtschaftslebens ge- 
worden ist. 
In den verflossenen zehn Jahren hat ja auch das 
landwirtschaftliche Genossenschaftswesen schwere Kri- 
sen durchgemacht. Durch die ungeheuere Geld- 
entwertung (I Goldkrone wurde schließlich 14.40C 
Papierkronen wert) verloren zunächst die Raiffeisen- 
kassen, die Keimzellen des landwirtschaftlichen Ge- 
nossenschaftswesens, ihre Mittel. Da der Sparsinn 
durch die Währungsinflation vollständig unterbunden 
wurde, flossen den Kassen wenig neue Mittel zu, 
so daß ihr Geldverkehr schließlich nicht mehr aus- 
reichte, selbst die ganz geringen Betriebsspesen zu 
decken. Erst als das große Werk der Währungsstabi- 
lisierung durch Bundeskanzler Seipel eingeleitet und 
durchgeführt und damit wieder eine Grundlage für 
Sparsamkeit und Kapitalsbildung gegeben war, stiegen 
auch die Einlagen bei den Raiffeisenkassen wieder 
allmählich an und vermehrten sich seitdem unauf- 
hörlich, so daß gegenwärtig der Einlagestand bei den 
Raiffeisenkassen und deren Verbände mit etwa 182 
Millionen Schilling schon 50% des Vorkriegsstandes 
ausmacht. Aber auch die Darlehen an die Mitglieder 
sind in annähernd gleicher Weise gestiegen und haben 
mit etwa 142 Millionen Schilling 55% des Vorkriegs- 
standes erreicht. Durch die Einlagen konnte das 
landwirtschaftliche Genossenschaftswesen auch seine 
Warenorganisation allmählich wieder mit billigeren 
Betriebskrediten versorgen und auch den Personal- 
kredit wieder in größerem, wenn auch noch lange 
nicht genügendem Ausmaße pflegen. Die Bezugs- 
organisationen der Genossenschaften haben im ver- 
flossenen Dezennium eine erfreuliche Entwicklung 
zenommen, da sie während dieser ganzen Zeit, ohne 
Inflationsgewinne die Landwirtschaft mit Bedarfsarti- 
keln zu billigen Preisen beliefert haben. Aber auch die 
Verwertungsgenossenschaften aller Art, welche sogar 
während der Zwangswirtschaft das Vertrauen der 
ländlichen Bevölkerung bewahren konnten, zeigen 
unaufhaltsame aufsteigende Entwicklung. Bei allen 
Genossenschaften steigt die Mitgliederzahl und deı 
Umsatz stetig. So betrug zum Beispiel der Waren- 
umsatz der Verbände Niederösterreichs, Steiermarks. 
Kärntens, Tirols und Vorarlbergs im Jahre 1027 rund 
20.000 Waggons, wobei der größte Anteil auf 
Niederösterreich entfällt. Jedenfalls kann mit vollem 
Rechte behauptet werden, daß das landwirtschaftliche 
Genossenschaftswesen einen hervorragenden Anteil 
an der Entwicklung und dem Ausbau der österreichi- 
schen Landwirtschaft aufzuweisen hat. 
Wie hoch entwickelt das landwirtschaftliche Ge- 
nossenschaftswesen Österreichs ist, möge daraus ent- 
nommen werden, daß im Allgemeinen Verband für 
das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen in 
Österreich, der als oberste Spitzenorganisation aller 
landwirtschaftlichen Genossenschaften fungiert, 14 
(enossenschaftsverbände, Zentralkassen und Zentral- 
molkereien mit insgesamt rund 3200 Finzelgenossen- 
schaften vereinigt sind. Davon sind 1700 Raiffeisen- 
<assen, 700 Verwertungsgenossenschaften, 250 Fin- 
ınd Verkaufsgenossenschaften, 200 Viehgenossen- 
schaften, 350 sonstige Genossenschaften. Insgesamt 
gehören rund 450.000 Landwirte den Genossen- 
'chaften als Mitglieder an. Da aber zumeist nur das 
“amilienoberhaupt Mitglied ist und eine Bauern- 
amilie durchschnittlich vier bis fünf Köpfe auf- 
weist, so erscheint die Wirtschaftskraft von rund 
zwei Millionen Menschen im Genossenschaftswesen 
vereinigt, wodurch seine große Bedeutung wohl am 
innfälligsten dargetan wird. Hiebei ist insbesondere 
die genossenschaftliche Aufbautätigkeit im Burgenland 
zu erwähnen, wo von früher her keinerlei landwirt- 
schaftliche Genossenschaftsorganisation nach öster- 
veichischem Muster bestand und die Schaffung der 
dort heute bestehenden 180 Finzelgenossenschaften 
und ihres Landesverbandes erst Ende des Jahres 1923 
einsetzte. 
Mehr denn je ist heute das landwirtschaftliche 
Genossenschaftswesen in Österreich auf Selbsthilfe 
angewiesen. In Vorkriegszeiten stellten Staat und 
„änder dem Genossenschaftswesen in bedeutendem 
Ausmaß auch finanzielle Unterstützung zur Verfügung, 
die heute fast gänzlich verschwunden ist. Dies macht 
sich insbesondere bei den anwaltschaftlichen Funktio- 
1en und bei der Durchführung der gesetzlichen 
Revisionen der Genossenschaften in überaus been- 
gender Weise fühlbar. Auch die in Vorkriegszeiten 
gesetzlich festgelegte Steuer- und Gebührenerleichte- 
rungen der Genossenschaften wurden, ohne gesetzlich 
aufgehoben zu werden, durch die Praxis in vielen 
vällen illusorisch. In ideeller Beziehung unterstützen 
Landesregierungen und Bundesregierung nach wie 
vor das gemeinnützige ländliche Genossenschaftswesen- 
In diesem Zusammenhang sei auf die verschiedenen 
Ȋuerlichen Notstandsaushilfen und Kreditaktionen 
ıngewiesen, die im Wege der landwirtschaftlichen 
Genossenschaften und ihrer Verbände abgewickelt 
werden, so insbesondere die Kunstdüngerkreditaktion, 
die Sämerei- und Saatgutkreditaktion und die Völker- 
bundmolkereikredite. ; 
Die österreichische Landwirtschaft kann auf ihre 
großen, im letzten Dezennium errungenen Erfolge 
um so stolzer sein, als sie während dieser ganzen Zeit 
im Öffentlichen Interesse, insbesondere auch zur 
Sanierung unseres Staates gewaltige Steuern und Ab- 
gaben auf sich genommen hat. In dieser Hinsicht muß 
vor allem auf die Grundsteuer hingewiesen werden, 
die sich heute als die höchste Ertragssteuer darstellt, 
die überhaupt ein Berufsstand in Oesterreich zu ent- 
richten hat. Sie beträgt im effektiven Ausmaße 10 bis 
‘5% des Reinertrages, wird jedoch nicht vom Rein- 
ertrag als solchen bemessen, sondern beruht auf der 
vor vielen Jahrzehnten durchgeführten typischen Er- 
(ragsberechnung, die weder auf besondere Verhält- 
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