Full text : 10 Jahre Wiederaufbau

Am 17. Dezember 1927 erfolgte die definitive Ernenıung
 Hofrat Dr. August Schestags zum Direktor des
Desterreichischen Museums. Damit wurde ein Musealfachmann
 an die Spitze des Instituts gestellt, der
als gründlicher Kenner des alten Kunsthandwerks
wie als verständnisreicher Förderer des modernen
Kunstgewerbes in weitesten Kreisen seit langem Ansehen
und Beliebtheit genießt. Noch als Erbe seines Vorgängers
hatte er das Arrangement mehrerer österreichischer Ausstellungen
 im Auslande übernommen. Am 20. Jänner
‚027 konnte er nach mühevollen Vorarbeiten die Ausstellung
 „Oesterreichisches Kunstgewerbe” im
Hotel Königshof in. Essen, am 6. März die österreichischen
 Räume in der Ausstellung „Europäisches
Kunstgewerbe 1927” im städtischen Kunstgewerbemuseum
 zu Leipzig eröffnen. In Leipzig trat übrigens
Jesterreich zu gleicher Zeit auch als Teilnehmer an deı
‚Internationalen Buchkunst-Ausstellung Leipzig
 1927” hervor und schnitt dank den Bemühungen
des Direktors der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt
 in Wien Hofrats Dr. Rudolf Junk, dem die Auswahl
 und Anordnung des Materials oblag, vorzüglich ab.
Noch eine weitere Auslandsunternehmung beschäftigte
damals die Direktion des Museums: die Versorgung einer
österreichischen Wander-Kunstausstellung in Holland mit
gediegenem modernen Kunstgewerbe. Der Initiator der
von der Gesellschaft „Oesterreich-Holland” finanzierten
Ausstellung war der Konservator Dr. G. Knuttel im
Haag. Von dort aus trat die Schau im Oktober 1927
unter dem Titel „Oostenrijksche Schilderijen en-Kunstnijverheid
 1900-1927” eine Rundreise durch verschiedene
aolländische Städte an, die erst im Jänner 1928 zum
Abschluß gelangte. Ein halbes Jahr später konnte sich
unser Kunsthandwerk abermals dem Auslande in würdigster
 Form präsentieren, und zwar auf der Internationalen
 Presse-Ausstellung, Köln 1928,
welcher — im Museumsbau — eine eigene Abteilung
„Das österreichische Kunstgewerbe einst und
jetzt” angegliedert worden war. Die Zusammenstellung
des historischen Teiles, der den Zeitraum von etwa
1740 bis 1900 umfaßte, hatte Hofrat Dr. August
Schestag, die Aufstellung der modernen Partien Prof.
Dr. Josef Frank besorgt. Die Aufnahme dieser Sonderausstellung
 war bei Publikum und Presse eine sehr bei.
fällige. „Die Ausstellung von österreichischem Kunstzewerbe
 alter und neuer Zeit”, schrieb Paul F. Schmidt
im Septemberheft des „Cicerone”, „bringt sehr schöne
Dinge; sie ist als eine Oase inmitten mancher Wüstenzien
 freudig zu begrüßen.”
In Wien unterrichtete eine am 30. Juni 1928 in der
Handelskammer eröffnete „Oesterreichische Graveurausstellung“
 über den derzeitigen Tätigkeitsbereich
 des Graveurgewerbes, im Oesterreichischen Mu-;eum
 verschaffte die von Mai bis Oktober währende,
vom Verbande der Möbelfabrikanten und Bautischlereien
installierte, ungewöhnlich gut besuchte Ausstellung „Die
neuzeitliche Wohnung” allen Schichten der Bevölkerung
 die Möglichkeit,. sich an ausgewählten Finichtungstypen
 über die wichtigsten Fragen der modernen
Wohnkultur zu informieren. Der jüngsten, vom Verein

der Freunde asiatischer Kunst und Kultur in. Wien geneinsam
 mit dem Oesterreichischen Museum durchgeführten
 Ausstellung ostasiatischer Gerätekunst
 und Kleinbildnerei geschah schon oben
irwähnung. Sie trug insoferne programmatischen Cha-‘akter,
 als sie Hand in Hand mit der Absicht des neuen
Jirektors ging, die Kunst Ostasiens in stärkerem Maße
als bisher am Oesterreichischen Museum einzubürgern.
Veberblicken wir am Schlusse unserer Uebersicht
aochmals die Leistungen des Oesterreichischen Kunsthandwerks
 im Laufe des letzten Dezenniums, so können
wir wohl in jeder Beziehung von erfreulichen Fortschritten
 desselben sprechen. Ohne etwas von seiner
Vorkriegsposition verloren zu haben, kann es auf eine
vielfältige Bereicherung durch neue Persönlichkeiten,
Werkstätten und Organisationen hinweisen. Aber auch
nn den älteren Vereinigungen ist ein neuer Geist lebendig,
namentlich im „Oesterreichischen Werkbund”
der in den letzten Jahren wesentlich an Einfluß gewonnen
ıat und dank der im Winter 1028 erfolgten Neuwahl des
Ausschusses nunmehr besondere Aktivität verspricht. Ist
Wien nach wie vor führend, so haben doch auch die
3undesländer ihren redlichen Anteil an diesem Aufschwung,
ınd eine WürdigungderGesamtleistung der österreichischen
Werkkunst wäre nicht vollständig, würde man zum Bei-;piel
 des trefflichen Rudolf Sommerhuber vergessen,
Jer im selben Steyr, wo auch Meister Michel Blümelauber,
 „Stahlschneider und Poet dazu”, sein Atelier
hat, kunstvolle Oefen baut, würde man die Mühlviertler
Textilwerkstätten A. Resch in Schwertberg und die
omundener keramischen Werkstätten, den
ıumorvollen Kufsteiner Keramiker Walter Bosse und
lie Salzburger Emailmalerin Maria Cyrenius nicht
ınführen. Auch für Wien bedürfte eine derartige Liste
ı1och mancher Ergänzung; noch haben wir ja die bekannte
»ilberwarenfabrik J. C. Klinkosch, die sich die Entwürfe
 für ihr edelgeformtes Silbergerät bei . Richard
Teschner, Karl Witzmann und Otto Prutscher
1olt, oder die rührige Werkstätte Emmy Zweibrück-7”rochaska,
 deren Spezialität Spielzeug und feinste
Füllspitzen sind, nicht genannt. Allein wir müssen mit
lücksicht auf den uns zubemessenen engen Raum einnalten.
 Nur eines Mannes sei am Ende nochmals gedacht:
 Professor Josef Hoffmanns‘). Als einzig ruhender
Pol in der Flucht der Erscheinungen und dennoch in
rastloser Entfaltung seiner genialen Begabung niemals
ruhend, hat dieser unvergleichliche Künstler das moderne
österreichische Kunsthandwerk von seinen ersten Anfängen
 in der Secessionsperiode an bis zum heutigen
Tage in nimmermüder Treue geleitet und ihm die Richtung
 gewiesen, die einen so erstaunlichen Aufstieg ermöglichte.
 Den Sechzigern nahe, steht Hoffmann in ungeschwächter
 Schaffenskraft allverehrt in unserer Mitte-Solange
 wir uns dieses Führers erfreuen können, braucht
uns um die fernere Entwicklung des heimischen Kunstgewerbes
 nicht bange zu sein.

') Vgl. die Monographie Leopold Kleiners, Josef Hoffmann
(Neue Werkkunst), Berlin, Hübsch-Verlag, 1927.

LTR
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.