Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Die Beschaffungsdirekton hat es auch nicht an Ver- 
juchen fehlen lassen, die österreichische In- 
lustrie zur Erzeugung von Waren aufzumun- 
:ern, die mangels einer inländischen Bezugsquelle stets 
vom Ausland beschafft werden mußten. In dieser Rich- 
ung ist mandher Erfolg zu verzeichnen. 
Das zentrale Beschaffungswesen der Österreichischen 
Bundesbahnen hat nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten 
m Innendienst und zahlreiche Verstimmungen in den 
Kreisen der heimischen Wirtschaft, die zum Teile mit 
Zurückhaltung, ja mit offenem Mißtrauen die Ent- 
vicklung der neuen Methoden verfolgt ‚hatten, zu 
iberwinden gehabt. Die Erfolge der zentralen Be- 
ichaffung, die in den veröffentlichten Rechnungsab- 
;chlüssen der Unternehmung zum Ausdrucke kommen 
ınd das zunehmende Vertrauen zum neuen Verge- 
yungswesen, das sowohl im inneren Dienste als .auch im 
Wirtschaftsleben mit Befriedigung festgestellt werden 
ann, sprechen aber für die Richtigkeit des beschritte- 
ı1en Weges. 
ÖSTERREICHS STELLUNG IM INTERNATIONALEN 
EISENBAHNVERKEHR 
Von Ing. Hans Sedlak, Betriebsdirektor der österreichischen Bundesbahnen, und Dr. Paul Hentschel, kommer- 
zieller Direktor der österreichischen Bundesbahnen. 
Die überaus besorgniserregende Bedrängnis, in die der 
Eisenbahnverkehr in den letzten Kriegsjahren geraten 
war, zwang die Eisenbahnverwaltung, zu Beginn des 
Jahres 1918 einen auf gänzlich geänderten Grundlagen 
aufgebauten Notfahrplan einzuführen. 
Der Zusammenbruch Ende Oktober 1918 und beson- 
ders die Heimbeförderung der von den Fronten zurück- 
Autenden Truppen brachte den Personenverkehr vollends 
in Unordnung und erst im Dezember 1918 konnte er 
wieder in halbwegs. geregelte Formen gebracht werden. 
Jie durchschnittliche Tagesleistung betrug Mitte Dezem- 
ber 1918 15.355 Zugkm. Es verkehrte kein Schnellzug 
mehr und auch auf den Hauptstrecken verkehrten 2 
oder höchstens 3 Personenzugspaare im Tag. Damit war 
aber der Tiefstand noch nicht erreicht. Die Kohlennot 
verschärfte sich von Tag zu Tag, um endlich Anfang 
März 1910 einen derart gefahrdrohenden Umfang anzu- 
nehmen, daß ein weitere einschneidende Drosselung des 
Personenverkelhrs verfügt werden mußte, die einer 
nahezu vollständigen Lahmlegung der Reise- 
möglichkeiten gleichkam. Diese Verkehrseinschrän- 
kung ging so weit, daß auf vielen Strecken überhaupt 
ıur I Personenzugspaar und auch dieses nur an zwei 
Tagen der Woche verkehrte: Trotz dieser äußersten Ver- 
<chrsdrosselung wurden die Ende Februar 1919 einge- 
führten Schnellzugsverbindungen Wien-Salzburg (Mün- 
chen-Berlin, zweimal wöchentlich) und Wien-Graz mit 
Abzweigung Bruck a. d. Mur-Klagenfurt-Villach, 
anmal wöchentlich, weiter aufrecht erhalten, um eine 
raschere Verbindung mit den Landeshauptstädten Linz, 
Salzburg, Graz und Klagenfurt zr ermöglichen: 
Zwischen Paris und Bukarest über den Arlberg 
‚erkehrte ein Militärschnellzug. (Ententezug.) Den Ver- 
xehr mit Innsbru& besorgten 2 Personenwagen, die 
zweimal wöchentlich diesem Zuge beigegeben wurden. 
Die mit der Tschechoslovakei und mit Polen getroffenen 
Vereinbarungen haben eine allmähliche Besserung 
der Kohlenversorgung herbeigeführt, so daß nach 
and nach die allerempfindlichsten Lücken im Personen- 
verkehre beseitigt werden konnten. Am 31. März 1910 
betrug die durchschnittlichhe Tagesleistung schon 13.713 
Zugkm. mit 823 t, oder 61 Wagen Kohle, eine Leistung. 
lie aber noch immer für die Aufrechterhaltung des 
Wirtschaftslebens völlig unzureichend war. In dieser 
Leistung mitinbegriffen war ein Schnellzugspaar Wien- 
F. J. B.-Gmünd (Prag, dreimal wöchentlich), das Mitte 
März eingeführt wurde. 
Mit I. Juni 1919 gelangte der erste Friedensfahr- 
lan zur Finführung,.der aber mit Rücksicht auf den 
{ohlenmangel und die vielfach schlechte Qualität der 
‚ohle noch keine ausschlaggebende Besserung der Ver- 
ıältnisse zuließ. Der Zugsverkehr blieb noch geraume 
Zeit von der jeweiligen Lage der Kohlenverhältnisse 
‚.bhängig. Im Verkehr mit dem Auslande haben sich 
lie geschilderten Mängel nicht besonders fühlbar ge- 
„acht, weil die ungeklärten politischen und wirtschaft- 
ichen Verhältnisse und die besonders strengen Paß- 
nd Zollmaßnahmen namentlich zwischen den auf alt- 
sterreichishem Boden gegründeten neuen Staaten ein 
>bhafteres Reisebedürfnis nicht aufkommen ließen. 
Jagegen hatte der Inlandverkehr unter den Einschrän- 
ungen schwer zu leiden. Wohnungsnot und Lebens- 
aittelknappheit haben die Bevölkerung zu erhöhter 
nanspruchnahme der Eisenbahn gezwungen. Viele werk- 
ätige Menschen, die am Orte der Arbeitsstätte keine 
Jnterkunft finden konnten, mußten in anderen Orten 
vohnen und täglich die Bahn zur Fahrt zwischen Wohn- und 
\rbeitsort benützen. Die Bewohner der größeren Städte und 
ndustrieorte mußten oft über weite Strecken in ländliche 
bezirke reisen, um sich Lebensmittel zu beschaffen. Die 
idhwierigkeiten in der Kohlenversorgung für die Bahnen, 
ür die Industrie und den Hausbrand der Bevölkerung 
1ötigten aber lange Zeit zur äußersten Zurückhaltung 
m Brennstoffverbrauche und gestatteten nur nach und 
ı1ach die Ausgestaltung des Fahrplanes entsprechend 
iem im Inlande aufgetretenen erhöhten Verkehrs- 
»edürfnis. 
Im Reiseverkehr mit dem Auslande haben eine 
Zeitlang die Kinderbeförderungen einen breiten 
kaum eingenommen. Der Höhepunkt dieser Bewegung 
vurde zur Zeit der Ruhrbesetzung erreicht, wo 
ıuch viele Kinder aus den besetzten Gebieten Deutsch- 
ands in Österreich Aufnahme fanden, während gleich- 
zeitig österreichische Kinder nach der Schweiz, Holland,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.