Die seminaristischen Übungen
5. Mit dieser Bildung klarer Begriffe hängt der zweite
Vorteil aufs engste zusammen, daß die Studierenden sich
an eine geordnete logische Denkarbeit gewöhnen
daß sie lernen, ihre Gedanken in logischer Aufeinander-
folge zu entwickeln und ihre Beweise in klarer, bestimmter,
logischer Form vorzulegen.
6. Sie erreichen drittens das, was Friedrich Paulsen
eine „große Präsenz des Wissens“ nannte und als
wertvollen Nutzen der Disputation bezeichnete!). Denn
dieser geistige Wettkampf führt sie von selbst dazu, jedem
Gegner Rede und Antwort zu stehen und durch Unter-
scheidung des Ungenauen, Unklaren und Zweideutigen bei
jedem Einwurf immer mehr den eigentlichen Kern der
Wahrheit von allem unnützen Beiwerk zu säubern. So ge-
langen sie auf sicherem Wege zur vollen Beherrschung
ihres Gegenstandes.
7. Als weitere kostbare Frucht hebt Paulsen eine „er-
staunliche Geübtheit im Auffassen von
Argumentationen“ hervor (aa0.). „Auch das ist kein
geringer Vorteil“, bemerkt Hettinger, „daß er [der Stu-
dierende] die Einreden des Gegners richtig, vollständig,
ohne Änderung oder Zusatz wiederzugeben lernt, wodurch
allein eine Verständigung möglich wird; weil gerade dies
so selten ist, darum findet auch so selten bei wissenschaft-
lichen Gegensätzen eine Ausgleichung statt, vielmehr steigert
sich nur die Verwirrung und bei mündlichen Verhandlun-
gen auch die Erbitterung“?). Die richtige Auffassung der
Argumentation des Gegners muß notwendig zur Anerken-
nung des Wahrheitsgehaltes in seinem Einwurf führen, und
wenn es als oberstes Gesetz in jedem wissenschaftlichen
Streit gelten muß, daß man niemals der Wahrheit wider-
sprechen darf und daß „wir nichts vermögen wider die
Wahrheit“, so sollte auf diesem Wege eine Verständigung
überall erzielt werden können. „Magna est veritas et
praevalet“.
1) Fr, Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts 1% 38.
®*) Fr. Hettinger, Timotheus® 189,
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