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IV. Buch. Nachträge.
ganzen Wesen nach unchristlich und irreligiös war und mit den Lehren der
Geschichte im Widerstreit stand. Seine Anhänger glaubten nämlich an eine
in der Natur der Dinge begründete wohlthätige Ordnung der socialen und
wirtschaftlichen Verhältnisse, eine Ordnung, deren Mißachtung für die Menschen
mehr oder minder schwere Nachtheile nach sich ziehe. Sie glaubten ferner,
daß ungeregelte sociale Beziehungen im allgemeinen die einzig vernünftigen
seien, und waren von optimistischen Anschauungen bezüglich der natürlichen
Einsicht und Tugendhaftigkeit der Menschen erfüllt und fest davon überzeugt,
daß zwischen den Interessen der einzelnen Individuen und des Staates auch
in den internationalen Beziehungen die vollste Harmonie bestehe. Ja manche
gingen so weit, zu behaupten, daß alle Menschen von Natur vollkommen gleich
seien, und das Eingreifen der göttlichen Vorsehung in den Lauf der Dinge,
ja das ganze System der christlichen Sittenlehre zu läugnen.
Diese in so großer Achtung stehenden Theorien bedeuteten nun gegenüber
den früher herrschenden Anschauungen in zweierlei Hinsicht einen großen Fort
schritt. Zunächst setzten sie der beständigen, endlosen Einmischung der Regie
rungen in die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Bevölkerung, welche eine
Folge des Mercantilsystems gewesen war, vielfach ein Ziel, und sodann hatten
sie auch die wohlthätige Folge, daß die politische Oekonomie zum Range einer
wirklichen und zwar einer ethischen Wissenschaft erhoben wurde.
Insofern entsprach die neue Doctrin den Zeitbedürfnissen, und da sich
nun auch uoch im Schoße der beiden dazumal auf dem Höhepunkt der Cultur
stehenden Nationen, der Franzosen und der Engländer, zwei geniale Männer,
nämlich Turgot in Frankreich und Adam Smith in Großbritannien, fanden,
welche die Ideen des wirtschaftlichen Liberalismus zu den ihrigen machten, so
prägten sich diese Ideen im westlichen, südlichen und mittlern Europa zunächst
den Gemüthern auf das tiefste ein, um mit der Zeit vielfach auch in den
Gesetzen ihren Ausdruck zu finden. Desto beklagenswerther muß es also er
scheinen, daß der wirtschaftliche Liberalismus im Boden der irreligiösen Ethik
wurzelt, infolge dessen schlimme Früchte zeitigte und Millionen von Menschen
in das tiefste Elend und eine unaussprechliche Erniedrigung gestürzt hat.
Dieses System der übertriebenen Hochschätzung wirtschaftlicher Freiheit
und der Verachtung der weisen Traditionen der Vorzeit ist in Frankreich ent
standen. Die Physiokraten 1 sind als seine eigentlichen Urheber zu be-
' Der Vater der physiokratischeu Doctrin ist Francois Quesnay. Er legte
dieselbe hauptsächlich in seinem .Tableau économique' und in den.Maximes générales
du gouvernement économique' nieder, die er beide 1758 zu Versailles erscheinen ließ,
sowie ferner in den .Dialogues', die im 2. Bande der von S. P. du Pont publicirtest
.Pbysiocratie' (VI vols. Yverdun 1768—1769, vom 2. Bande an mit dem Titel
.Discussions et développements sur quelques-unes des notions d Économie politique )