123
die Prüfung verbürge keine unbedingt verläßliche Erkennung
der wirklichen Leistungsfähigkeit. Man sollte sich daher nicht auf
den Ausfall der Prüfung allein verlassen, sondern den Menschen
selbst im Auge behalten. Zur Berufswahl sei daher vor allem der
geschulte Psychologe wichtig, nicht bloß der Prüfungsapparat
oder die tests. Gewiß handelt es sich um den ganzen Menschen,
nicht um die eine oder andere Eigenschaft desselben; dies verstößt
aber nicht gegen das Zweckmäßige der Eignungsprüfungen,
vorausgesetzt, daß man die oben dargelegten Vorsichtsmaßregeln
anwendet. Nicht umsonst spricht man neuerdings auch von »Persön-
lichkeitsforschung«, für welche schon eigene Institute geschaffen
wurden, obwohl hier vielleicht schon etwas zu weit ab von praktisch-
wirtschaftlichen Zielen abstrakte Lehre vorliegt.
Bezeichnend ist es, daß die Vertreter der Psychotechnik es schon
zu vier internationalen Kongressen (vierter Kongreß: 10. bis
14. Oktober 1927, Paris) gebracht haben, wo alle Haupt- und
Nebenfragen der Lehre erörtert wurden, wo man ebenso über
Berufsberatung, Eignungsprüfung und die Berufe, die sich ihrer
vedienen sollen, und über ihre Methoden debattierte, wie über
Persönlichkeitsforschung, über Psychotechnik und soziale Fürsorge,
und wo ein Redner (O. Lipmann, Berlin) sogar ein System der
»Technopsychologie« vorschlug. Vieles mag noch unklar sein, aber
Tatsache ist, daß in allen Ländern schon eine stattliche Zahl von
Fachleuten sich mit der Vertiefung und dem Ausbau der an-
zewandten oder praktischen Psychologie (Psychotechnik) befassen,
daß hier eine neue, wichtige Sonderdisziplin vorliegt, die wohl
auch in Österreich eine besondere Lehr- und Forschungsstelle
verdient.
Ermüdungs- und Zeitstudien.
Die rein technisch orientierte Richtung der Rationalisierung, wie
sie noch bei Taylor und seinen Mitarbeitern vorherrschte und wie
sie in den Organisationen für Normung u. ä. zutage tritt, ist
größtenteils der wirtschaftlich und sozial gerichteten Rationalisierung
zewichen; die komplexe Natur des Problemes »Arbeit« wurde immer
mehr gewürdigt; nachdem die menschliche Arbeit einmal in die
Rationalisierung einbezogen war, ergab sich die Notwendigkeit,
neben Technikern auch Volkswirte, Physiologen und Psychologen
als Sachverständige zu hören.