Object: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 371 
Genovefa in Paris zu lehren; hier entspann sich der bittersüße 
Roman zwischen ihm und Heloisen, der aus Liebe entsagenden 
Geliebten. Später hat er, von schwerem Geschick und dem 
Fluche der Kirche getroffen, eine Freistatt unter dem Schutze 
des menschlich edeln Abtes Peter von Cluny gefunden; zu ˖ewiger 
— 
Pflege am 21. April 1142. Abälards Bedeutung beruht 
weniger auf dem positiven Inhalt seiner Lehre als auf der 
Wirkung seiner Persönlichkeit. Zwar wies seine Dialektik in 
ihrem Ausgang von wissenschaftlicher Kritik und in ihrer mehr 
verstandesmäßigen Analyse der Dogmen auf den Punkt, von 
wo aus das theologische Lehrsystem des Mittelalters aus den 
Angeln zu heben war. Jedoch dieser Wurzel des Denkens ent— 
wuchsen noch keine reifen Früchte. Dagegen wirkte die Sub— 
jektivität seines Wesens, obwohl er später ein harter Asket 
wurde, gegenüber dem starren Typus herkömmlicher Perfönlich— 
keit wie ein Wunder, begeisternd, lösend, befreiend. 
Indes gegenüber der allgemeinen Strömung und dem 
Charakter der Zeit traten Wirkung und Person Abälards doch 
zurück. Das überwiegende Bedürfnis der Zeitgenossen verfolgte 
ganz andere Wege: es strebte über die abgelebten Formen der 
Frömmigkeit des 10. Jahrhunderts hinaus nach religiöser Ver— 
tiefung des hergebrachten Christentums, nach einer neuen, 
innigeren Frömmigkeit, nach einem mehr persönlichen Ver— 
hältnis zu Gott und seinen Heiligen, zu Dogma und Kirche. 
Dies Bestreben mußte zur Kritik der bestehenden kirch— 
lichen Ordnung führen, und je nach dem Maße dieser Kritik 
konnten seine schließlichen Ergebnisse sehr verschieden sein. Kon— 
sequente Geister konnten so weit gehen, daß sie die vorhandene 
Kirche oder gar das bestehende dogmatische System als Gefäß 
der neuen Frömmigkeit verwarfen: dann kam es zur Sekten— 
bildung. Weniger radikalen Denkern war es möglich, in mehr 
oder minder weitgehender Form Frieden mit der Kirche zu 
machen: dann ergaben sich neue Strömungen auf kirchlichem 
Boden, die im Falle ihrer Organisation einen autonom⸗kirch— 
lichen, mönchischen Charakter annehmen konnten. 
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