Object: Die deutsche Wirtschaft

102 Otto Keinath: 
Faktoren des Eingriffs oder der Verminderung der Vermögenssubstanz 
— Preistreiberei-Verordnung, ferner die unheilvolle These: Mark gleich 
Mark —, die ihm besonders in der Nachkriegszeit die Existenz be- 
drohten. Nach unendlich schweren Kämpfen und nach langen Jahren 
bitterer Erfahrungen ist es erst allmählich dem Handel gelungen, die 
durch den Krieg völlig zerstörten Auslandsgeschäfte wieder anzubah- 
nen und vor allen Dingen den „Kredit”im Auslande wiederzu- 
gewinnen, welcher in den Vorkriegszeiten dem deutschen Kaufmann 
wegen seiner über alles erhabenen Reellität bedenkenlos gewährt 
wurde, Schon seit alters her liegt dem ehrbaren Kaufmann mehr noch 
als am Gelde an der Einräumung des — moralischen — Kredites. Erst 
der fundamentale Grundsatz von Treuund Glauben, der das ge- 
sprochene Wort ebenso wertvoll erscheinen läßt wie schriftlich fun- 
dierte Verträge, bildet jene Brücke vertrauensvollen Zusammenarbei- 
tens zwischen Deutschland und dem Ausland, ohne welche ein er- 
sprießlicher Außenhandelsverkehr unmöglich ist. 
Das Zusammenströmen wichtiger Abnehmer- und Lieferanten- 
kreise an den großen Stapelplätzen der Welt bedingte die 
immer mehr zunehmende Bedeutung solcher Plätze als Kredit-und 
Zahlungszentrale, Der internationale Wechselverkehr, der 
Terminhandel, gestützt auf große Mengen greifbarer Waren, die Kon- 
zentrierung großer Kapitalmassen aus allen Teilen des Binnenlandes 
und des Auslandes, gaben einem solchen Platz ein besonderes Gepräge 
finanzieller Stoßkraft, Eines der bedeutendsten Beispiele bildete bis 
zum Weltkriege London, welches die Beherrscherin des inter- 
nationalen Geld- und Kreditmarktes war und sich jetzt wieder intensiv 
bemüht, diese bedeutsame Vormachtstellung den Bankiers und Finan- 
ziers New Yorks zu entwinden. Die vorhin angedeutete Schwächung 
der deutschen Kapitalkraft blieb auch auf die größten deutschen 
Warenhandelsplätze nicht ohne Rückwirkung, In mühseliger 
Arbeit muß auch hier wieder der Aufbau auf dem deutschen Geld- und 
Kapitalmarkte vollzogen werden. 
III, Importhandel, 
Bereits vorhin streiften wir mit einem Wort die Gefahren der 
Ausschaltung des Handels, Diese treten bereits beim Im- 
porthandel von Massenwaren auf, Je geringer der Quali- 
tätsunterschied der Rohstoffe, je weniger es der Tätigkeit der Sortierer 
bedarf, desto größer wird die Gefahr, daß der „Cif-Agent‘, welcher 
die Offerte vom ausländischen Exporthause direkt erhält, diese gegen 
geringe Provision den verarbeitenden Industrien, der Mühle, der 
Spinnerei, der Eisenhütte oder der Schokoladenfabrik in die Hände
	        
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